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Kann man Lernen sichtbar machen?

«profil» führte mit Professor Wolfgang Beywl ein Gespräch zu den Ergebnissen der Hattie-Studie. Wolfgang Beywl ist einer der Übersetzer und Bearbeiter der beiden Bücher «Lernen sichtbar machen» und «Lernen sichtbar machen für Lehr­per­sonen». Von Peter Uhr. 

Wolfgang Beywl
leitet seit Anfang 2010 die Professur Bildungsmanagement sowie Schul- und Personalentwicklung an der PH FHNW in Brugg. Er lehrt Evaluation in mehreren hochschulischen Aus- und Weiterbildungsprogrammen und berät in der unterrichtsbezogenen Schulentwicklung. Er forscht zur Fragestellung, wie Lehrpersonen wissenschaftliche Evidenz nutzen und unterrichts­integriert Belege zu ihrem Einfluss erzeugen können.

profil: Herr Beywl, welches sind eigentlich die zentralen Aussagen der Hattie-Studie und der darauf basierenden Bücher?

Wolfgang Beywl: Die Erkenntnisse besagen, dass die Lehrperson den entscheidenden Unterschied ausmachen kann. Dies bezieht sich natürlich nur auf jene den Lernerfolg begünstigenden Faktoren, die überhaupt beeinflussbar sind. Faktoren, die durch Schule und Unterricht – wenn überhaupt – nur schwach beeinflusst werden können, sind z.B. Intelligenz oder das Elternhaus mit seiner «Anregungs-Intensität» für das Lernen.

Das heisst, dass das Handeln der Lehrperson das Einzige oder zumindest das Massgebliche ist, wenn man den Lernerfolg der Lernenden noch optimieren will?

Das klingt tatsächlich etwas radikal, trifft den Kern aber ganz gut. Oft wurde und wird zur Optimierung ja bei Strukturfragen des Schulsystems angesetzt, also etwa Integration/Inklusion versus Segmentierung, Klassengrössen etc. Interessant ist nun, dass dieses «Schräubeln» am System Schule nie die Hebelkraft hat, die der Unterrichtskompetenz der Lehrperson zukommt.

Hattie sieht die Lehrperson als Regisseurin, die eine klare Vorstellung davon hat, welches das Resultat von Unterricht und Lernprozessen genau sein soll und auf welchen Wegen die Lernenden dorthin gelangen können. Sie kennt Leistungsstand und -vermögen ihrer Schülerinnen und Schüler und ermöglicht, dass sie ihre Potenziale optimal entwickeln können. Dabei kommt die Performanz von den Lernenden selbst … genau wie dafür in einem Theater die Schauspieler ausschlaggebend sind und in einem Orchester die Musikerinnen.

Gibt es etwas, das Sie bei den Ergebnissen der Hattie-Studie überrascht?

Überrascht bin ich vor allem davon, dass bisher kein grundsätzlicher Widerspruch zu den inhaltlichen Resultaten der Studie laut wurde. Es gibt methodische Zweifel an der Güte statistischer Verfahren, die zu der Rangordnung von Einflussfaktoren führen, ansonsten vor allem Diskussionen zur Interpretation der Daten und den Konsequenzen für Schule und Bildungssystem. Die Ergebnisse passen insgesamt recht gut in den aktuellen Stand der didaktischen Diskussion und reaktivieren etliche dieser Postulate. Vorher hatten wir viele wertvolle verstreute Splitter, und «nach Hattie» haben wir nun alles systematisch und übersichtlich angeordnet – von den Rohdiamanten zu einem gestalteten Schmuckstück.

Können Sie eine Schlussfolgerung herausgreifen, die wirklich neu und wegweisend ist?

Es sind aus meiner Sicht drei zentrale Elemente, die zusammenhängen. Das erste ist die hohe Bedeutung eines strukturierten und fokussierten Feedbacks der Lehrperson an die Lernenden. Bisher beschränkte sich das häufig in einer Kommentierung der Aufgabe und der Korrektheit ihrer Lösung, evtl. mit Fokus auf Stoff/Inhalt. Dies braucht es auch. Die Studie weist nun aber nach, dass es für das Weiter- und Besserlernen hilfreicher wäre, die Aufmerksamkeit deutlich auch auf den Lernprozess, die Lernstrategien und Formen der Selbstregulation zu richten. Diese Ergänzungen bisherigen Feedbackgebens sind in Kapitel 7 von «Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen» beschrieben bis hin zu Beispielsätzen, die die Lehrperson äussern könnte.

Wie stellen Lehrpersonen sicher, dass ihr Feedback verstanden wird?

Das ist das zweite Element, auf das Hattie aufgrund der Studie grossen Wert legt: Es ist wichtig, dass die Lehrperson einen Unterrichts-Lernzyklus schliesst, indem sie sich im Dialog mit den Lernenden vergewissert, was bei ihnen tatsächlich ankommt und anschliessend von ihnen umgesetzt wird. Ich halte diesen Austausch für eine wenig erschlossene Goldmine. Lehrpersonen können die Rückmeldungen der Lernenden nutzen, um die Wirkungen ihres Unterrichts auf die Klasse und auf Einzelne klarer zu sehen und das eigene Handeln gegebenenfalls zu optimieren. Es ist nämlich erstaunlich – und durch die Studien ebenfalls gesichert – dass Lernende ihr eigenes Leistungsniveau und -vermögen überraschend gut einschätzen können. Versuche mit dem Führen von Lerntagebüchern belegen dies. In der Regel bewirkt eine positive Selbstwirksamkeitsüberzeugung auch positive Lernergebnisse. Aber leider auch umgekehrt. Daher ist die Förderung der Selbstwirksamkeitsüberzeugung, gerade bei Schülerinnen und Schülern mit Schwächen im Fach, so wichtig.

Bei einem so gerüttelt Mass an Herausforderungen ist es wichtig, Gelassenheit zu entwickeln und die richtige Dosierung für die Entwicklung des Unterrichts und den Mut zur Lücke zu finden.

Und worin besteht das dritte Element, von dem Sie sprachen?

Dieses betrifft den Blick der Lehrperson auf das eigene Lehrerhandeln. Darum stellt dieses Element möglicherweise die grösste Herausforderung dar. Denn es mag am Selbstverständnis einzelner Lehrpersonen rütteln. Während das individuelle Reflektieren und das von individuellen oder gemeinschaftlich getragenen Menschenbildern und Überzeugungen geprägte Diskutieren innerhalb eines Lehrpersonen-Teams eine starke und akzeptierte Tradition hat, gilt das für einen analytischen Zugang zum Lehrerhandeln nicht unbedingt. Letzterer wird oft eher naturwissenschaftlichen Traditionen zugeordnet, und das Isolieren, Untersuchen, Messen und Auswerten dürfte in Bezug auf eigenes unterrichtliches Handeln eher noch unvertraut sein. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun und dem Versuch, sichtbar zu machen, was dem Lernen nützt, bedingt einen Schritt hin zum Untersucher von «Daten» (z. B. gesammelte Rückmeldungen oder Ergebnisse aus unbenoteten Klassentests von Schülerinnen und Schülern), und zur Evaluatorin des eigenen Unterrichts. Evaluation – ein Schreckenswort nicht nur für die Lehrer in der Schule – meint hier: selbstverantwortetes Beschreiben und Bewerten des Unterrichts.

Und was ist die Rolle von «Lernen sichtbar machen»?

Genau gesehen ist dies Mittel zum Zweck: Die Lernenden vergewissern sich, was sie lernen, machen dies explizit, ganz im Sinne der schon angesprochenen Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Die Lehrpersonen nutzen empirische Belege (d. h. sichtbar Gemachtes) zu diesen Lernresultaten und zu den Lernaktivitäten (Strategien, Selbstregulation …), als Voraussetzung dafür, die nächsten Lernschritte und die nächsten Unterrichtsaktivitäten «evidenzbasiert» zu planen. In unseren schulinternen Weiterbildungen entstehen im Unterricht Dutzende verschiede Arten sichtbarer Belege: Türme aus DuploSteinen, Plakate mit Klebepunkten, Reihen von korrekt erklärten Karten mit Schlüsselbegriffen usw. Sind diese erst einmal im Klassenraum sichtbar, können der Dialog und die gemeinsame Arbeit am Unterricht fortschreiten.

Wie können Lehrpersonen nun diese neue «selbstevaluatorische» Kompetenz erlernen und einüben?

Das kann im Rahmen von Weiterbildung geschehen. Aber so eine Umorientierung kann letztlich nur gelingen, wenn man damit nicht allein bleibt. Die Haltung, Unterricht immer wieder greifbar zu machen und verbessern zu wollen, erfordert eine «evaluative Kultur» einer Schule; alle müssen einbezogen werden und mitmachen. Auf Basis dieser «professionellen Evidenz» werden sich Lehrpersonen in gesteigertem Mass als selbstwirksam erleben; und dies ist, wie wir schon besprochen haben, Voraussetzung für erfolgreiches Lernen – hier: der Lehrenden.

Läuft das alles letztlich nicht auf unerfüllbare Forderungen an die Lehrpersonen hinaus? Sie sollen den Lernstand jedes einzelnen Kindes sowie die Ursachen von Lernhemmnissen kennen, alle je einzeln individualisierend unterstützen und ständig die durch den eigenen Unterricht verursachten Wirkungen erfragen, analysieren und optimieren.

Die Ansprüche sind tatsächlich gross. Es gibt heute schon Lehrpersonen, die das gut machen und ständig am Verbessern sind. In all diesen Prozessen scheint es mir wichtig, dass Lehrpersonen aufhören, sich selbst ständig mit einem schlechten Gewissen zu plagen. Bei einem so gerüttelt Mass an Herausforderungen ist es wichtig, sich am Leistbaren zu orientieren, Gelassenheit zu entwickeln und die richtige Dosierung für die Entwicklung des eigenen Unterrichts und den Mut zur Lücke zu finden. Als Faustregel gebe ich: In 3 bis 5 Prozent der eigenen Unterrichtslektionen experimentierend evaluieren. Mit der Zeit erfolgt das fast so routiniert wie das Zusammenstellen des nächsten Klassentests. Die Einbettung in ein Team, das einander unterstützt, ehrliche Feedbacks gibt und das Ziel nie aus den Augen verliert, kann dabei von unschätzbarem Wert sein.

Die von Ihnen angesprochenen Postulate scheinen durch die in der Hattie-Studie aufbereiteten Forschungen gut abgesichert. Gibt es Aussagen von John Hattie, die durch Studienergebnisse nicht gestützt sind?

Interessanterweise ist es eins seiner zentralen Postulate, nämlich die vorhin erwähnte Zusammenarbeit der Lehrpersonen. Es gibt dafür keine Belege, z. B. in Form eines starken Faktors «Zusammenarbeit von Lehrpersonen». Meiner Meinung nach hätte Hattie sein Postulat aber sehr gut indirekt ableiten und begründen können. Wenn wir Lehrpersonen in ihrer Rolle als Evaluatoren des eigenen Unterrichts auch als Lernende verstehen, dann können wir aus den Forschungsergebnissen zum kooperativen Lernen von Schülerinnen und Schülern Analogien für das kooperative Lernen von Erwachsenen ableiten, nämlich dass z. B. reziprokes Lehren, Peer-Tutoring, Feedback-Geben und -Bekommen hoch wirksam sind. Und das ist ja nichts anderes, als was Hattie den in Teams zusammenarbeitenden Lehrpersonen vorschlägt.

Eine zweite Unschärfe haben wir bei der «Leidenschaft der Lehrperson», der Hattie ebenfalls einen wesentlichen Einfluss auf Unterrichtsqualität und Lernerfolg zumisst. Zunächst wäre zu klären, inwieweit diese Leidenschaft dem Fach und/oder dem Lehrerberuf gilt. Wir wissen nämlich, dass ein unreflektiertes Zuviel an Passion auch kontraproduktiv sein kann. Dann, wenn z. B. die Mathematiklehrerin als Ästhetin der Zahlenwelt keinen Zugang dazu findet, dass sich einem Kind die Schönheit dieser Welt nicht gleichermassen erschliesst. Hier halte ich Hatties Aussagen für ausnahmsweise einmal stärker eminenz- als evidenzbasiert, was nicht heisst, dass sie falsch wären – er liefert halt keine Belege.

Die ab 2000 über die Schulen «hereingebrochenen» PISA-Studien haben da und dort Schockwellen und bildungspolitische Betriebsamkeit ausgelöst. Was erhoffen Sie sich im Vergleich damit von der Hattie-Studie?

Wie wir vorhin gesehen haben, liegt ein wesentliches Erfolgskriterium für das Gelingen von Unterrichtsentwicklung in der Zusammenarbeit von Lehrpersonen. Diese ist in vielen Kantonen der Schweiz oft schon weit gediehen, sie ist viel mehr als z. B. in Deutschland die Regel. Hier wurde in Kooperationsmodelle investiert, es wurden verbindliche Zeitgefässe pro Lehrperson und Jahr definiert, in denen gemeinsam an Entwicklungsthemen gearbeitet wird. Als die ersten PISA-Tests durchgeführt wurden, sah die Schullandschaft noch anders aus. Die Bedingungen für gemeinsame Anstrengungen für die Verbesserung des Unterrichts waren bei weitem nicht so gut wie heute. Jetzt – nach dem Erscheinen der Hattie-Studie – haben wir eine tragfähige Basis und können die Energien auf die Unterrichtsentwicklung konzentrieren. Oder etwas weniger prosaisch: «Es hat sich jetzt ein Fenster geöffnet. Noch vor 15 Jahren wäre Hattie gegen die Wand gelaufen.» Und: die Schulleitungen und ihr Commitment zur Qualitätsentwicklung bleiben zentral: denn Unterrichtsentwicklung erfordert immer auch Schulentwicklung, und umgekehrt!

Herr Beywl, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Basis-Informationen zur Hattie-Studie:
Im 2009 auf Englisch erschienenen Buch «Visible Learning» hat der Bildungsforscher John Hattie eine Unmenge von Studien ausgewertet und zusammengefasst. Diese Studien haben unterschiedlichste Faktoren, und ihren Einfluss auf Lernergebnisse erforscht. Hattie macht in seinen darauf basierenden Büchern sichtbar, welche Faktoren «matchentscheidend» sind, und er macht konkrete Vorschläge dazu, wie der Unterricht zu Gunsten besserer Lernleistungen optimiert werden kann. Die deutschen Übersetzungen der beiden Bücher sind 2013 und 2014 im Schneider Verlag Hohengehren erschienen (siehe auch profil 1/2014). Sie werden ergänzt durch die Website www.lernensichtbarmachen.ch, auf der sich u. a. Ergänzungen zu den Büchern und Praxisberichte finden. die Übersetzungstätigkeit sowie der Aufbau und Betrieb der Website werden gefördert von der Stiftung Mercator Schweiz, dem Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) und der Pädagogischen Hochschule FHNW.

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