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Schulqualität sorgfältig evaluieren

Qualitäten und Entwicklungs­bedarf spiegeln

Die Schulbeurteilung im Kanton Zürich basiert auf einem sorgfältig aufgebauten Verfahren mit vielfältigen kommunikativen Herausforderungen.

Mit dem neuen Volksschulgesetz wurde im Kanton Zürich 2005 eine neue Schulaufsicht beschlossen. Seitdem vermittelt die Fachstelle für Schulbeurteilung den Schulen eine professionelle Aussensicht. Das «Handbuch für Schulqualität» beschreibt neun vom Bildungsrat formulierte Qualitätsansprüche aus den Bereichen Schulgemeinschaft, Lehren und Lernen sowie Führung und Zusammenarbeit. Diese sind für die Qualitätsbeurteilung massgebend. Das Evaluationsteam, in der Regel bestehend aus drei Personen, stützt sich bei der Beurteilung auf das von der Schule erstellte Portfolio, die schriftliche Befragung von Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern (ab der 4. Klasse) sowie der Eltern und auf Beobachtungen und Interviews ab. Die Auswertung der erhobenen Daten mündet in Kernaussagen, welche durch Stärken und Schwächen bezüglich der einzelnen Qualitätsansprüche belegt werden. Die Rückmeldung erfolgt in einem schriftlich verfassten Schlussbericht. Dieser wird auf Wunsch der Schule auch mündlich kommuniziert. Die Schulbehörde und die evaluierte Schule bestimmen, wie der Evaluationsbericht und wie allfällige Entwicklungshinweise für die Weiterentwicklung genutzt werden. 

Der Zürcher Kantonsrat hat sich im August 2012 mehrheitlich gegen die Parlamentarische Initiative Hauser, welche die Abschaffung der Fachstelle verlangte, ausgesprochen und den Gegenvorschlag des Regierungsrates angenommen. Das Evaluationsverfahren wurde in mehreren Belangen vereinfacht, beispielsweise müssen die Schulen keinen Massnahmenplan ausarbeiten und der Fachstelle zukommen lassen und die Entwicklungshinweise werden nur noch auf Wunsch der Schule und unabhängig vom Bericht formuliert, da sie als interne Arbeitsgrundlage der Schule zu betrachten sind. Der Evaluationszyklus wurde zudem von vier auf fünf Jahre ausgedehnt.

Weitere Informationen unter www.fsb.zh.ch.

Verena Eidenbenz

Das Evaluationsteam der Fachstelle für Schulbeurteilung kommuniziert auf unterschiedliche Weise mit den Schulen, um alle Daten zu erheben, die für die Beurteilung relevant sind. In einem Gespräch mit Hans-Ruedi Bolt, Evaluator, sind wir den kommunikativen Herausforderungen nachgegangen, die sich in diesem Verfahren stellen:

Profi-L: Als Evaluator der Fachstelle für Schulbeurteilung nehmen Sie ­einerseits die Rolle der Schulaufsicht, aber auch eine Beratungsrolle ein. Welche Rolle liegt Ihnen besser? 

Hans-Ruedi Bolt: Als Evaluator habe ich keine Beratungsfunktion, wir geben der Schule jedoch auf Wunsch aus externer Sicht Entwicklungshinweise. Natürlich sind diese Hinweise auch eine Form von Beratung. In einem einleitenden Text wird festgehalten, wo die Schule steht. Anschliessend geben wir Anregungen, in welchen Bereichen sich die Schule entwickeln könnte. Oft benutze ich dazu auch Fragestellungen, um den Schulteams einen gewissen Spielraum in der Umsetzung zu lassen. Einzelne Lehrpersonen beraten wir nicht. Wenn nötig ziehen die Schulen eine externe Beratung bei, sind aber nicht dazu verpflichtet. Bei der nächsten Evaluation sollte im Portfolio der Schule sichtbar sein, welche Anregungen sie von uns aufgenommen und an welchen andern Zielen sie gearbeitet hat. 

Welche Ziele verfolgen Sie als Evaluator, was ist Ihnen besonders wichtig?

Wir haben natürlich Vorgaben bezüglich unserer Funktion. Wie wir unsere Rolle ausfüllen, ist aber unterschiedlich. Es liegt mir daran, nicht als Besserwisser aufzutreten, auch die Stärken einer Schule klar zu benennen und gut begründete und belegte Hinweise zur Schul- und Unterrichtsentwicklung zu bieten. Dies gelingt durch genaues Hinschauen und exaktes Formulieren der erhobenen Daten. Meine 28 Jahre Erfahrung als Lehrperson helfen mit, die nötigen Entwicklungsschritte glaubhaft zu begründen. Ich versuche, die Schule möglichst genau zu beschreiben, so dass sie sich im Schlussbericht wieder erkennt. 

Mit dem Portfolio und der Selbstbeurteilung stellt sich die Schule selber dar. Was geschieht, wenn sich Ihre Beobachtungen mit dieser Darstellung nicht decken? 

Öfters stelle ich fest, dass das Schulprogramm und die Jahresplanung, welche daraus abgeleitet werden sollte, nicht übereinstimmen. Im Schulprogramm klar terminierte Projekte erscheinen beispielsweise in der Jahresplanung nicht mehr. Abweichungen tauchen aber auf allen Ebenen der Evaluation auf. Manchmal liegen beispielsweise die Mittelwerte der Beurteilungen zu einzelnen Aussagen in der schriftlichen Befragung der Lehrpersonen und der Schülerinnen und Schüler oder der Eltern weit auseinander. In den Interviews versuchen wir, den Grund solcher Differenzen oder unterschiedlicher Ansichten herauszufinden. Die Widersprüche weisen oft auf ein Entwicklungspotential der Schule hin. 

Sie befragen während des Evalua­tionsverfahrens auch Eltern. Welche Herausforderungen stellt dieser Teil des Evaluationsver­fahrens an Sie? 

Die Schule bietet interessierte Eltern zum Interview auf. Ich beginne mit einer kleinen Vorstellungsrunde und erkläre kurz das Evaluationsverfahren. Für die Gespräche stützen wir uns auf Standardfragebogen ab. Diese passen wir der Schule an. Wie bereits oben erwähnt, versuche ich, in den Interviews zu Praxisbeispielen zu kommen, insbesondere wenn ein Elternurteil stark von der Selbstbeurteilung der Schule abweicht. Eltern haben primär das Wohl ihres Kindes im Fokus. Damit kritische Äusserungen aus den Interviews im Bericht aufgenommen werden, müssen sie von mehreren Schulbeteiligten bestätigt werden. Einzelaussagen werden im Bericht nie berücksichtigt. 

Wie können Sie Schülerinnen und Schülern relevante Aussagen zu ihrer Schule entlocken?

Schulkinder können bereits nach kurzer Zeit Aussagen zu ihrer Schule machen, das Schul- oder Klassenklima beurteilen. Es ist wichtig, dass an den Interviews Schülerinnen und Schüler teilnehmen, die kommunikativ sind und sich getrauen zu reden. Die Zusammensetzung der Gruppen sollte möglichst ausgewogen sein. Mit jüngeren Kindern ist das Interview aufwändiger. Damit sie die Fragen verstehen und beantworten können, müssen wir oft zusätzliches Hilfsmaterial einsetzen. Meist sind Schülerinnen und Schüler sehr offen. Sie machen genaue Aussagen darüber, wie sie sich in der Schule fühlen, wie die Lehrperson mit ihnen und der Klasse umgeht, wie die Atmosphäre auf dem Pausenplatz ist. Wenn in den Schülerinterviews Widersprüche zu Aussagen anderer Anspruchsgruppen auftauchen, machen wir die Schule darauf aufmerksam. 

An einer Rückmeldeveranstaltung informieren Sie die Schule mündlich über die Evaluationsergebnisse. ­Welche Erfahrungen machen Sie hier? 

Die Schulen sind in der Regel interessiert an dieser zweistündigen Veranstaltung. Die Rückmeldung erfolgt mit Hilfe einer PowerPoint-Präsentation. Wir formulieren zu jedem Qualitätsanspruch eine sogenannte Kernaussage, welche wir durch Stärken und Schwächen in diesem Bereich belegen. Nach einer Pause arbeitet das Schulteam meist in Gruppen und geht folgenden Fragen nach: «Was sehen wir gleich? Was sehen wir anders? Was ist uns für unsere Schul- und Unterrichtsentwicklung wichtig?» Danach stellen die Gruppen ihre Ergebnisse vor und die Veranstaltung ist beendet. Wie bereits erwähnt, ist es wichtig, die Schulen dort abzuholen, wo sie stehen. Am Anfang der Veranstaltung versuche ich, eine positive Grundstimmung zu schaffen, der Schule wertschätzend zu begegnen, ihre Stärken zu betonen, aufzuzeigen, was schon erreicht wurde. Dies motiviert, und die Schule ist eher bereit, nächste Entwicklungsschritte anzugehen.

Im Evaluationsbericht fliessen alle Daten zusammen. Können Sie uns abschliessend noch etwas dazu sagen?

Eine Woche nach Abschluss des Verfahrens trifft sich das Evaluationsteam zur Redaktionssitzung. Diese dauert in der Regel sechs bis acht Stunden. In einer spannenden Auseinandersetzung diskutieren wir die zuvor erstellten Berichtsentwürfe und legen gemeinsam den exakten Wortlaut der Kernaussagen und Entwicklungshinweise fest. Dies ist eine der interessantesten Aufgaben im Verlauf des Verfahrens. 

Vielen Dank, Herr Bolt, für den Einblick in Ihre anspruchsvolle Aufgabe.

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