farbwelt

Kommunikationspannen vermeiden

Ich kann Sie verstehen, aber …

In Gesprächen die Bedürfnisse der Eltern berücksichtigen und die eigenen Anliegen zur ­Geltung bringen. Wie das möglich ist, zeigen zwei Beispiele und ein Gespräch ­mit Isabelle Lusser.

Therese Grossmann

Es ist wieder die Zeit der Elterngespräche im 5. Schuljahr, auch für Isabelle Lusser im Brunnmattschulhaus. Für sie ist es oft die erste Gelegenheit, die Eltern persönlich kennen zu lernen und über die Leistungs- und Verhaltensbeobachtungen zu informieren. Bei diesen Gesprächen investiert sie bewusst in die Beziehung zwischen ihr und den Eltern. Das baut Vertrauen auf und kommt späteren Gesprächen, insbesondere auch den Übertrittsgesprächen in der 6. Klasse, zugute. Die Kinder sind bei den Gesprächen dabei, Isabelle Lusser hat sie in Einzelgesprächen inhaltlich darauf vorbereitet.

Rami* und sein Vater

Zum ersten Gespräch an diesem Nachmittag kommt Rami mit seinem Vater. Die Mutter kann nicht dabei sein, weil sie arbeitet, der Vater hat heute frei genommen. Die Lehrerin kennt die Eltern bereits, weil sie auch Ramis Schwester unterrichtet hat. Am letzten Gespräch wurde der Vater gegenüber der Lehrerin verbal so ausfällig, dass diese mit einem Abbruch des Gesprächs drohen musste. Heute ist davon nichts zu spüren, das Gespräch beginnt und verläuft freundlich. Zuerst informiert Isabelle Lusser über Ramis Verhalten, was beim Vater wenig Reaktionen auslöst. Erst als sie auf Ramis schulische Leistungen zu sprechen kommt und sagt, Rami sei im Französisch gut, im Deutsch und Mathematik knapp genügend, engagiert sich der Vater. Er schildert, wie Rami zuhause kaum etwas für die Schule mache, sondern seine Freizeit bis spätabends mit Spielen am Computer oder am Handy verbringe und die Ermahnungen nicht beachte. Isabelle Lusser fügt an, Rami sei in der Schule öfters müde und könne nicht genügend leisten, dann richtet sie sich direkt an Rami: «Da musst du auf deine Eltern hören, du musst die Hausaufgaben machen und dich auf die Lernkontrollen vorbereiten.» Offenbar hat Rami nicht nur zuhause, sondern auch in der Tagessschule gesagt, dass er keine Hausaufgaben habe. Die Lehrerin schlägt vor, dass ihr Rami die Aufgaben-Agenda zeige, bevor er in die Tagesschule gehe, und sie diese unterschreibe. «Sie müssen die Agenda dann auch unterschreiben», macht sie den Vater aufmerksam, «wir müssen in Kontakt bleiben». Nach dieser Vereinbarung gibt es noch Gelegenheit für Fragen. Der Vater will wissen, wann die Frühlingsferien beginnen, sie möchten eine Kreuzfahrt machen. Nach ein paar Bemerkungen über die bevorstehende Kreuzfahrt endet das Gespräch.

Anita*, ihre Mutter und ihre ältere Schwester

Im zweiten Gespräch, zu dem Anita, ihre Mutter und als Übersetzerin ihre ältere Schwester kommen, zeigt sich gleich zu Beginn die oben erwähnte Wertschätzung: Als die Lehrerin über Anitas Verhalten informiert und anfügt, vielleicht wolle Anita noch ein bisschen die Kleine sein, bestätigt das die Schwester und erzählt gerne Beispiele aus dem Alltag, und sie übersetzt die Beispiele der Mutter. Die Lehrerin unterbricht die ausgiebigen Schilderungen nicht, sie schliesst die Sequenz mit dem Hinweis ab, es wäre gut, wenn Anita selbstbewusster werden könnte. Nun geht es um Anitas Leistungen in den verschiedenen Fächern. Als die Lehrerin sagt, Anita müsse im Französisch gut üben und lernen, reagiert die Schwester. Sie erklärt, sie möchte es ja gut machen, habe aber manchmal zu wenig Zeit, um mit Anita zu lernen, und Französisch könne sie leider selbst nicht gut genug, die Aussprache sei für sie so schwierig. Und gestern Abend hätten Anita und sie noch lange lernen wollen, aber sie seien einfach zu müde gewesen und hätten sich nicht mehr konzentrieren können. Die Mutter fügt bei, dass sie im Französisch auch nicht helfen könne. Nun schaltet sich die Lehrerin ein und beschreibt die Angebote der Schule, die Anita unterstützen könnten, sodass die Mutter und die Schwester entlastet würden, zum Beispiel die Aufgabenhilfe der Tagesschule. Anita gibt sie eine Hör-CD, die sie für die Französischtexte brauchen kann. Die Lehrerin geht auch auf den Wunsch der Frauen ein, für Anita Französischlektionen zu organisieren, indem sie Anita vorschlägt, die Praktikantin zu fragen. Die Vorschläge werden gerne und dankbar angenommen. Nach der Besprechung von Anitas Leistungen in den anderen Fächern richtet sich die Lehrerin zuerst an Anita: «Ich bin zufrieden mit dir, wie du Fortschritte machst. Du gibst nie auf, du machst immer wieder einen neuen Versuch, das ist sehr gut fürs Lernen.» Dann richtet sie sich aber auch noch an die Schwester: «Es ist wichtig, dass Sie auch zu sich schauen und sich Zeit für eigene Projekte nehmen.» Als Abschluss fordert die Lehrerin Anita auf aufzuzählen, was sie selbst alles machen könne, um die Angebote der Schule besser zu nutzen. Nach drei Viertelstunden endet das Gespräch mit einer herzlichen Verabschiedung.

*Namen geändert

 

Interview mit Isabelle Lusser

profi-L: Auffallend vorhin war die Freundlichkeit. Hast du nach den negativen Er­fahrungen im letzten Gespräch damit gerechnet? 

Isabelle Lusser: Ich gebe jeder Gesprächssituation eine neue Chance und engagiere mich für eine gute Beziehungskultur zwischen mir und den Eltern. Negative Erfahrungen auf neue Situationen zu übertragen, wäre eine Kommunikationsfalle.

Siehst du andere Kommuni­ka­t­ionsfallen in Eltern­ge­sprächen?

Ja, wenn die Lehrperson nur von ihrer Vorstellung ausgeht und dadurch das Vis-à-vis nicht ernst nimmt. Das Gespräch mit Rami und seinem Vater war ja wirklich kurz, es dauerte eine knappe Viertelstunde. Ich habe gemerkt, dass der Vater Infos über Ramis Leistungen will und die Feriendaten. Und dass er wieder gehen will, es ist ja sein freier Tag, also habe ich das Gespräch in seiner Kürze belassen. Eine andere Falle ist, dass sich die Lehrperson «aufs hohe Ross setzt», also überheblich ist. Vorhin hätte ich dem Vater zu verstehen geben können, dass er und seine Frau den Medienkonsum ihres Sohnes nicht im Griff hätten. Ich habe versucht, für den Vater Verständnis zu zeigen und ihn zu stärken, indem ich direkt den Sohn ansprach. 

Das hat viel mit Wert­schätzung zu tun. Was gehört für dich auch noch zur Kommunikationskultur?

Ein Aspekt von Wertschätzung ist für mich der Respekt dem Vis-à-vis gegenüber. Das könnte sich darin äussern, dass jeder im Gespräch seinen Part haben darf. Zur Kommunikationskultur gehört sicher auch die Lösungsorientierung. Ich betrachte es als meine Aufgabe, zusammen mit den Eltern und dem Kind nach Optimierungsmöglichkeiten zu suchen. Ein sorgfältiger Umgang mit der Sprache ist ebenso ein Aspekt der Kommunikationskultur. Ich achte darauf, wenig Fremdwörter und keine fachspezifischen Begriffe zu verwenden. Das Wort «wir» verwende ich ganz gezielt, um die Eltern als Verbündete im Förderprozess anzusprechen, wie vorhin, als ich den Vater darauf hinwies, dass wir in Kontakt bleiben müssen.

Welche Situationen in Eltern­gesprächen erlebst du als besondere Herausforderung?

Wenn Eltern dem Gespräch negative Erfahrungen – aus der eigenen Schulzeit oder als Eltern – zugrunde legen. Da lasse ich sie zwar reden und zeige mein Verständnis, setze mich nachher aber klar durch, indem ich zum Beispiel sage: «Jetzt bin ich da und Sie haben die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen.» Eine Herausforderung ist es auch, Eltern zur Zusammenarbeit zu motivieren, wenn sie von den Lernschwierigkeiten ihres Kindes hören. Ich zeige einerseits Empathie für ihre Situation, präsentiere andererseits Fördermöglichkeiten und fordere sie zur Zusammenarbeit heraus. Es kann sein, dass die Eltern mit den Vorschlägen nicht einverstanden sind, dann nehme ich das zu Protokoll. Dieses Recht der Eltern gehört auch zur Kommunikationskultur. Allgemein scheint mir wichtig, Herausforderungen als solche wahrzunehmen, sich ihnen aber ohne Angst zu stellen.

Wie kann eine Lehrperson ­Kommunikationskultur lernen bzw. weiterentwickeln?

Wesentlich ist sicher, an andern Gesprächen teilzunehmen und diese zu reflektieren. Dann ist es auch wichtig, sich mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen. Und warum nicht einen handfesten Kommunikationskurs besuchen?

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