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Was subtil anfängt…

Es gibt keine Ausreden für «Nichtstun»

Françoise Alsaker von der Universität Bern beschäftigt sich schon über ein Vierteljahrhundert mit der Prävention von Mobbing in Kindergarten und Schule. Wir fragten sie, wie Kommuni­kation positiv oder negativ auf das Verhindern bzw. Entstehen von Mobbing einwirken kann.

Peter Uhr

Daniel FriedrichProf.Dr. Françoise Alsaker arbeitet am Institut für Entwicklungspsychologie ­der Universität Bern. Die international anerkannte Expertin forscht und publiziert u.a. zur Prävention von Gewalt (Mobbing) in der Schule und im Kindergarten.

profi-L: Erwachsene sind mit dem Mobbing-Vorwurf oft schnell zur Hand. Welches sind aus Ihrer Erfahrung unmissverständliche Anzeichen für Mobbing-Situationen?

Françoise Alsaker: Mobbing verläuft häufig in Eskalationsstufen: Es kann mit abschätzenden Bemerkungen beginnen, mit negativen Übernamen und negativen Zuschreibungen. Es geht dann beispielsweise über ins Aufhetzen und aus der Gruppe Ausschliessen. Und wenn dann immer noch nicht interveniert wird, beginnen auch gröbere körperliche Übergriffe. Unmissverständlich ist, dass es sehr systematisch auf eine oder wenige Personen gerichtet ist. 

Woran erkennen Erwachsene, dass da etwas aus dem Ruder zu laufen beginnt?

Wenn ein Kind eines Tages über «schlimme» Erlebnisse berichtet, die sich nicht sehr dramatisch anhören, sollen Erwachsene aufmerksam zuhören. Nachfragen, ob das nur das eine Mal geschah oder auch früher vorgekommen ist. In Erfahrungen bringen, wer beteiligt war, ob die Lehrperson es weiss, es gesehen hat etc. Leider verpassen Erwachsene diesen «Moment der Wahrheit» oft, indem sie etwa wie folgt reagieren: «Das war doch sicher nicht so schlimm.» «Du musst dich halt wehren.» «Was hast du denn selber gemacht?» Dann kann es sein, dass ein Kind in seiner Not nicht ein weiteres Mal «anklopft», sich abkapselt und sich in sein Schicksal ergibt.

Ab wann spätestens müssen die Alarmglocken läuten?

Einmalige verbale Entgleisungen sind zwar unschön, aber nicht zu verhindern. Aber wenn negativ geprägte Kommunikation systematisch wird, muss man sehr genau hinschauen. Denn das ist auch der Moment, in dem alle Beteiligten in eine Rolle hineinschlüpfen oder hinein gezwungen werden: als Täter, Mitläufer, angeblich neutrale Zeugen und Opfer.

Ihre Forschungen zur Mobbing-­Prävention haben schon früh die Auf­merksamkeit von den Tätern und Opfern auf die angeblich Unbeteiligten gelenkt. 

Die Wichtigkeit dieser Gruppe hat sich in den vergangenen Jahren noch akzentuiert. Während die Täter und Opfer in ihren Rollen oft stark gefangen sind, können die Zuschauer oder passiv Mit-Leidenden schneller auf ihre Verantwortung für das Geschehen sensibilisiert werden. Sie sind es, die Mobbing ermöglichen oder verhindern können.

 «Lehrpersonen sind nicht dazu da, populär zu sein.
Sie müssen Grenzen setzen und bewusst entscheiden,
was sie in ihrem Umfeld zulassen wollen.

Wie sollten die Schulen und Lehr­personen denn nun eingreifen?

Einerseits müssen sie ganz klar Stellung beziehen und unmissverständlich klar machen, was im Wirkungskreis der Schule erlaubt ist und was nicht. Sie definieren also das «Was». Zum «Wie» sollen sie die ganze Klasse einbeziehen: Also, welche Regeln im Umgang miteinander, in der Kommunikation, gelten sollen. Wie man reagiert, wenn diese verletzt werden. Zentral ist, dass man von den Schuldzuweisungen weg kommt hin zum Bewusstsein für die eigene Verantwortung. Damit kann man – gerade bei der entscheidenden Gruppe der «Neutralen» – viel bewirken.

Der Sprachgebrauch der Jugend­lichen unterscheidet sich oft stark von dem Erwachsener. In gewissen Milieus kann der Begriff «Hurensohn», obwohl abwertend klingend, eine peergroupbezogene Anerkennung sein. Wo ziehen wir da die Grenzen?

Lehrpersonen sind nicht dazu da, populär zu sein. Sie müssen Grenzen setzen und bewusst entscheiden, was sie in ihrem Umfeld zulassen wollen. Denn Sprache ist oft ein Experimentierfeld, eine Vorstufe zu späterem Handeln. Wenn Jugendliche also x-fach ungestraft Grenzen des Respekts verbal überschreiten, interpretieren manche das als Erlaubnis, noch weiter, bis hin zur physischen Gewalt zu gehen. Normen werden getestet und – wenn wir nicht aufmerksam sind – allmählich ausser Kraft gesetzt. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass gewisse Türen nicht geöffnet werden.

Gibt es Belege dafür, dass Kinder aus anderen Kulturkreisen eher gefährdet sind, selbst zu mobben oder gemobbt zu werden?

Generell gibt es keine wissenschaftlich gesicherten Zusammenhänge. Allerdings gibt es eine Untersuchung aus dem Bereich des Kindergartens, die zeigt, dass Kinder, die nicht gut Deutsch können, eher Gefahr laufen gemobbt zu werden. Ich glaube aber, dass das Phänomen im Allgemeinen nicht kulturspezifisch ist. Mobbende sind – herkunftsunabhängig – oft Kinder, die schon mit einer gewissen Akzeptanz für ihr aggressives Verhalten oder auch eine Gewöhnung an Gewalt als Problemlösung in die Schule kommen. Wobei es zu beachten gibt, dass Gewalt nicht physisch sein muss, sondern auch in Form von systematischem Ausschliessen von anderen zum Ausdruck kommen kann. 

Welches ist Ihr wichtigstes Fazit nach so vielen Jahren Beschäftigung mit Mobbing in Schule und Kindergarten?

Es gilt diejenigen, die es zulassen, dass andere geplagt werden, in die Verantwortung zu bringen und sie erleben zu lassen, dass sie etwas Gutes bewirken können. Dabei sind die Institutionen und Lehrpersonen gefordert. Es gibt kein Wegschleichen aus der Verantwortung, keine Ausreden für Nichtstun.

 
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