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Die Lehrperson im Fokus

Mit Kompetenzrastern den Unterricht beurteilen

Wie können Lehrpersonen ihr eigenes Beurteilungsverhalten erkennen und reflektieren? Ein Projekt der Pädagogischen Hochschule Luzern liefert dazu Hinweise.

Verena Eidenbenz

Alex, Anja und Tüley besuchen die 4. Primarklasse. Ihre Lernerfahrungen und die ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler sind sehr verschieden. Frau Schumann, die Klassenlehrerin, weiss, wie wichtig es ist, bei den Lernenden ihren je unterschiedlichen Lernstand zu erkennen und diesen für die Lernförderung zu nutzen. Sie versucht, dieses Wissen immer wieder bewusst in ihrem Unterricht zu berücksichtigen. Für die genauere Förderdiagnostik ist sie aber auf ihre Kollegin, die Heilpädagogin Frau Heiden mit ihrer Expertise im förderdiagnostischen Bereich, angewiesen. Frau Schumann hat mit Tüley, die in letzter Zeit unmotiviert und lustlos über den verschiedenen Aufgaben der Planarbeit sitzt, schon das Gespräch geführt. Tüley scheint schnell zu arbeiten und unterfordert zu sein. Frau Schumann bittet Frau Heiden, bei Tüley doch «etwas genauer hinzuschauen». Frau Heiden setzt sich in der nächsten Lektion zu Tüley – und bemerkt schnell, dass Tüley im Bereich der mathematisch-naturwissenschaftlichen 

Aufgaben weitaus mehr leisten könnte, als sie es aufgrund der Aufgaben kann. Sie reagiert umgehend mit einer für Tüley eingeschobenen kurzen Projektarbeit, in der sie mit ihr individuelle Lernziele definiert und mit ihr abspricht, wie sie das restliche Planarbeitspensum «nebenbei» bearbeiten kann. Drei Planarbeits-Lektionen arbeitet Tüley deutlich motivierter und zeigt wieder bessere Leistungen.

Kompetenzen zum Umgang mit heterogenen Lerngruppen

Im Rahmen eines Projekts an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ) Luzern befasste sich ein Team des Instituts für Schule und Heterogenität (ISH) mit Unterrichtssituationen, wie sie Frau Schumann tagtäglich erlebt. Ausgehend von einer Literaturanalyse wurden mit Fachleuten aus dem In- und Ausland Interviews durchgeführt. Dabei wurden Aspekte zum pädagogischen Umgang mit leistungsbezogener, behinderungsbedingter oder geschlechtsspezifischer Heterogenität sowie Migration und Unterschiede im Verhalten einbezogen.

Die Bearbeitung ergab sechs Kompetenzraster, welche zentrale Kompetenzen zum Umgang mit heterogenen Lerngruppen beschreiben. Die Kompetenzraster beziehen sich auf die binnendifferenzierte Unterrichtsgestaltung oder die Steuerung von Lernprozessen und reichen bis zu einem konstruktiven Umgang mit Bedingungen, welche das Schulsystem setzt.

«Lehrpersonen können mit Kompetenzrastern ihre unterrichtsbezogenen Stärken und Schwächen kriterienorientiert herausarbeiten.»

In der Publikation «Kompetenzprofil zum Umgang mit heterogenen Lerngruppen» wird jede der sechs Kompetenzen umschrieben und begründet. Hernach werden die sechs Kompetenzen in einem Kompetenzraster mit den zentralen Kriterien auf vier Niveaus konkretisiert. Das Niveau 0 beschreibt jeweils das völlige Fehlen der Kompetenz. Zwischen dem Niveau 0 und dem Niveau 3 siedeln sich die Kompetenzstufen auf einem Kontinuum an. Das Niveau 3 beschreibt einen optimalen, hochkompetenten Umgang mit Heterogenität, wobei damit nicht gesagt ist, dass lediglich auf diesem Niveau Situationen professionell bewältigt werden können. Die Heterogenität der Lernenden zeigt sich ganz unterschiedlich und oft dürften auch Handlungsmuster unterhalb des Optimalniveaus das Lernen der Schülerinnen und Schüler gut unterstützen.

Mit dem Kompetenzraster «Förderorientiert diagnostizieren» reflektieren

Frau Schumann sitzt nach einer Woche mit ihrem Unterrichtsteam zusammen und bespricht ihre Erfahrungen der letzten Wochen. Als Reflexionshilfe nimmt das Team heute das Kompetenzraster «Förderorientiert diagnostizieren» zur Hand (vgl. Ausschnitt in Tabelle 1). In einer ersten Phase beurteilen Frau Schumann und ihre Kolleginnen und Kollegen sich selbst und markieren das zutreffende Niveau auf dem Kompetenzraster. Hernach meint Frau Schumann: «Das war gar nicht so einfach, das eigene Verhalten im Bereich des Diagnostizierens einzuschätzen. Ich hab’s trotzdem versucht und staune, was ich eigentlich alles schon kann und im Unterrichtsalltag umsetze. Allerdings habe ich gerade bei Tüley gemerkt, wie ich an meine Grenzen komme, und eigentlich wenig weiss über die Diagnose und Förderung von besonders begabten Kindern. Vielleicht müsste ich hier eine Weiterbildung planen.» Und Frau Heiden, die ebenfalls zum Unterrichtsteam gehört, ergänzt: «Ich finde, wir sollten im Bereich des Diagnostizierens noch besser zusammenarbeiten, gerade bei Alex und Anja merke ich, wie ich nicht richtig weiterkomme. Da müssten wir noch genauer wissen, wo die Kinder im Klassenunterricht Probleme haben und der Lernprozess stockt. Was denkt ihr dazu, anhand dieser beiden Beispiele unsere Zusammenarbeit zu reflektieren und mögliche Verbesserungen zum Austausch unserer Expertisen zu diskutieren…?»

Kompetenzraster für Schul- und Unterrichtsentwicklung

Wie das Unterrichtsteam von Frau Schumann oben zeigt, können Lehrpersonen mit Kompetenzrastern ihre unterrichtsbezogenen Stärken und Schwächen kriterienorientiert herausarbeiten und damit einerseits die Zusammenarbeit mit der Heilpädagogin intensivieren, andererseits die eigene Unterrichtspraxis weiterentwickeln. Schliesslich können die Profile auch Schulleitungen anregen, sich einen Überblick über das Kompetenzprofil des eigenen Lehrpersonenteams zu verschaffen. Indem die einzelnen Profile in einem Lehrpersonenteam übereinander gelegt werden, wird sichtbar, über welche Stärken man im Kollektiv verfügt, aber auch, in welchen Bereichen Kompetenzen fehlen. Die Einschätzungen auf individueller Ebene wie auch im Team liefern wichtige Anhaltspunkte für die gesamte sowie individuelle Entwicklungs- und Weiterbildungsplanung.

Damit profitieren nicht nur die Lehrpersonen von Alex, Anja und Tüley von diesem Instrument, sondern das gesamte Schulteam, was wiederum allen Schülerinnen und Schülern in ihrer Verschiedenheit zu Gute kommt.


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