farbwelt

Beurteilung als Prozess

Förderorientierte Schreibkultur

In der Mischklasse in Finstersee, im Hinterland von Zug, setzt die Lehrerin Catherine Scherer auf eine vielfältige und differenzierte Beurteilung von Texten, die sich auf die Selbstbeurteilung sowie auf die Beurteilung durch die Lehrperson und durch andere Schülerinnen und Schüler stützt.

Hansruedi Hediger

Eine Pausenglocke gibt es im kleinen Schulhaus von Finstersee nicht. Das ist auch nicht nötig, sitzen doch die 21 Erst- bis Viertklässler pünktlich zum Unterrichtsbeginn im grossen Kreis im Eingangsbereich des Schulhauses.

Die Lehrerin weist auf ein in einer Kiste liegendes, völlig verknotetes Seil hin und fordert die Kinder auf, sich dazu zu äussern. Das klingt dann so: «Die Schuldigen sollen die Knoten wieder lösen, sonst kann man mit dem Seil in der Pause nicht mehr spielen.» «Das Material sollte man doch so versorgen, wie man es hervorgeholt hat.» «Es stört mich, wenn ich das Seil so finde.» Die Kinder sind sich gewohnt, solche Situationen selber zu beurteilen. Ein Kommentar der Lehrerin erübrigt sich.

An diesem Morgen sind gleich zwei Lehrpersonen anwesend. Während die Erst- und Zweitklässler sich in den kleinen Werkraum begeben, widmen sich die Dritt- und Viertklässler dem Thema «Abenteuergeschichte auf einer Schatzinsel». Die Schüler und Schülerinnen erhalten den am Vortag geschriebenen Text zurück, mit einem ausführlichen Kommentar der Lehrerin zu Inhalt und Satzbau.

In der anschliessenden «Schreibkonferenz» lesen je drei Kinder einander die eigenen Texte vor. Für die Beurteilung halten sie sich an die Hinweise auf den drei farbigen Karten («Das hat mir an deinem Text besonders gut gefallen.» «Ich habe folgenden Verbesserungsvorschlag.» «Dazu habe ich eine Frage.»). Catherine Scherer betont, es sei ein langer Prozess bis zu einer differenzierten Beurteilung. Es genüge ihr nicht zu hören, dass ein Text einfach «gut» oder «spannend» sei. Auch das Kritik-Entgegennehmen müsse gelernt werden.

Edy ist sichtlich stolz, als die Lehrerin seinen Text später der Klasse vorliest. Das motiviert auch die anderen Kinder zum Weiterschreiben. Jeremia zieht als Erstes die Ereigniskarte «Du begegnest einem sprechenden Papagei». «Das sagt mir, was ich als Nächstes in meiner Geschichte einbauen soll. Solche Ereigniskarten geben mir weitere gute Ideen. Der sprechende Papagei passt übrigens prima zu meinem Lianenwald», meint er.



Mit dem Korrekturprogramm überarbeiten die Schülerinnen und Schüler das Geschriebene. Sie überprüfen Satzzeichen, Satzanfänge, Nomen oder Dopplungen. Man merkt, dass die Schülerinnen und Schüler dies nicht zum ersten Mal machen.

Rechenschaft zum Inhalt der eigenen Geschichte legen die Schülerinnen und Schüler mit dem Beurteilungsnetz ab. Auffällig ist, dass die meisten die Geschichten als spannend taxieren – das Wort «plötzlich» wird dementsprechend häufig verwendet. Das Schreiben, Beurteilen und Überarbeiten ist aufwändig und braucht Zeit. Doch es mache Sinn, so Catherine Scherer, wegen der erforderlichen Aufwärmzeit auch längere Schreibphasen einzuplanen.

In der Schlussrunde mit der ganzen Klasse wird die Frage aufgeworfen: «Was habe ich heute gut gemacht, was ist mir gut gelungen?» «Heute Morgen habe ich alles besonders gut gemacht!», beurteilt sich ein Erstklässler stolz.

 

 

Catherine Scherer unterrichtet seit 20 Jahren als Primarlehrerin, 11 Jahre davon an der Mischklasse in Finstersee. Daneben ist sie Outdoortrainerin und Erlebnispädagogin und leitet Workshops und Kurse zum Thema «Altersdurchmischtes Lernen».

 

profi-L: Catherine Scherer, die Beurteilung von Texten ist aufwändig. Lohnt sich dieser Aufwand?

 

Catherine Scherer: Ja sicher, die Arbeit ist wertvoll. Deshalb nehme ich mir die Zeit dazu, und zum Glück habe ich nicht so viele Schülerinnen und Schüler. Für mich ist es wichtig, differenzierte Rückmeldungen zu geben, damit sich ein Kind überlegt, was es beim nächsten Text verändern, besser machen oder auch beibehalten kann. Bei kargen Rückmeldungen ist es für die Kinder schwierig überhaupt weiterzukommen.
 

Sind Dritt- und Viertklässler bereits fähig, Selbst- und Fremdbeurteilungen abzugeben?

Am Anfang ist es für die Schülerinnen und Schüler wirklich nicht einfach, obschon sie gerne Tipps geben und auch gerne fremde Texte hören. «Es hat mir gefallen» oder «Es tönt cool» höre ich häufig. Doch mit der Zeit werden die Aussagen differenzierter und kritischer. Die Kinder merken, dass sie dank Hinweisen von anderen etwas am Text verändern können. Die Erfahrung macht sie reifer. Das ist jedoch ein langer Prozess.
 

Auch Sie müssen mit Noten beurteilen. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Fördern und Benoten?

Ich setze nicht bei jedem Text eine Note. Auch deshalb nicht, weil im Elternhaus oft noch viel Wert auf Noten gelegt wird und der Druck auf das Kind dadurch steigt. Der Frust ist vorprogrammiert. Ich erkläre immer wieder, dass eine Note einer Momentaufnahme gleicht, einer Blume, die im besten Fall schon erblüht ist, im schlechtesten Fall noch nicht einmal aus der Erde guckt. Doch auch Letztere kann sich entwickeln und bis zur Blüte kommen.
 

Was machen Sie mit den fertigen Texten?

Es gibt viele Ideen vom gegenseitigen Vorlesen über eine Wandzeitung bis zum Veröffentlichen an einem Elternabend. Wichtig ist aber die Wertschätzung gegenüber dem Geschriebenen, denn dahinter stecken viel Arbeit und viel Herzblut. Texte müssen auch nicht immer ins Reine geschrieben werden. Die aktuellen Geschichten werden am Schluss geheftet, damit sie jedes Kind mit nach Hause nehmen kann.

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