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Beurteilen auf der Basisstufe

Wo das Kind den Weg vorgibt…

In Schulen mit dem Basisstufenmodell steht jedes Kind entwicklungsmässig und in den verschiedenen Fächern an einem anderen Ort. Und dennoch ist es möglich, diese Stand-Orte  wahrzunehmen und zu beurteilen.

Verena Eidenbenz

Die Basisstufe Muristalden versteht sich als Bildungs-, Forschungs- und Begegnungsort. Das Wohlbefinden des Kindes mit seinen Interessen, Fragen und seiner Neugier steht im Zentrum. Die Lehrpersonen orientieren sich an den Stärken jedes Kindes. Nicht der Lehrplan oder die Lehrmittel, sondern das Kind gibt den Weg vor und zeigt, welches seine Zugänge zur Welt sind. Die Eigenmotivation und das Anknüpfen am Vorwissen stehen bei der Planung von Unterricht im Vordergrund. Im Spannungsfeld der Stärkenorientierung einerseits und den Vorgaben des Lehrplans andererseits stellt sich die Frage, wie Beurteilung an einer Basisstufe gelingen kann. Deshalb haben wir Barbara Sörensen einige Fragen gestellt. Sie ist Lehrperson an der Basisstufe Muristalden, Bern und Erziehungswissenschaftlerin.

profi-L: Barbara Sörensen, wie können Sie an der Basisstufe so viele unterschiedliche Lernentwicklungen sowohl in den Fachbereichen als auch in den Entwicklungsbereichen im Auge behalten und dokumentieren?

Barbara Sörensen: Wir überlegen uns für jeden Fach- und Entwicklungsbereich Kompetenzen, die jedes Kind in den vier Jahren Basisstufe erwerben sollte. Anhand der von uns erstellten Raster dokumentieren wir, wie sich jedes Kind den gestellten Anforderungen annähert. Die gesetzten Kompetenzen sind eng gekoppelt an die Vorgaben des Lehrplans. Die Orientierung an den von uns erstellten Kompetenzrastern in Verbindung mit theoretischem Hintergrundwissen bildet die Grundlage für die Beurteilung.

In den Fächern Mathematik und Deutsch, bei denen ein systematischer Aufbau wichtig ist, ist immer eine Lehrperson zuständig und verantwortlich dafür, dass jedes Kind in den vier Jahren seinen eigenen Lernweg gehen kann. Zudem ist jede Lehrperson für eine bestimmte Kindergruppe zuständig. Sie sammelt und notiert die Beobachtungen zu jedem Kind dieser Gruppe. Alle Lehr- und Betreuungspersonen arbeiten im Unterricht jedoch mit der ganzen Klasse. Da wir die Kinder den ganzen Tag begleiten und mit ihnen auch das Mittagessen einnehmen, gibt es viele Möglichkeiten, sie auch ausserhalb des Unterrichts zu erleben. Die persönliche Entwicklung der Kinder kann auch in diesen Alltagssituationen beobachtet und wahrgenommen werden. Dies erleben wir als grosse Bereicherung.

Jede Lehrperson dokumentiert die Beobachtungen auf ihre eigene Weise. Der Austausch über die Dokumentationen bietet ein ideales Reflexionsfeld für unser Team. Anhand der gesammelten Beobachtungen und der Arbeiten der Kinder werden die Elterngespräche und Beurteilungsberichte vorbereitet. Es ist immer wieder eine grosse Herausforderung, über alle Entwicklungsschritte in den unterschiedlichen Fachbereichen jedes einzelnen Kindes Bescheid zu wissen und auf dieser Grundlage die individuellen nächsten Lernschritte zu planen.

Gibt es besondere Beobachtungsinstrumente, die Sie auf der Basisstufe einsetzen?

Ich stelle die Kompetenzbeschriebe aufgrund verschiedener theoretischer Grundlagen zusammen. Es gibt keine Raster, die wir eins zu eins übernehmen. Wir überprüfen die Kompetenzbeschriebe regelmässig und passen sie neuen Erkenntnissen aus der Erziehungswissenschaft an. Die gesammelten Beobachtungen müssen wir mit den vorgegebenen Lern- und Beurteilungsberichten zusammenführen. Zurzeit warten wir ungeduldig auf den neuen Lehrplan und sind gespannt, wie die Kompetenzorientierung dort ausgelegt wird.

Kinder können die Basisstufe in drei bis fünf Jahren durchlaufen. Wie stellen Sie fest, dass ein Kind bereits nach drei Jahren bereit für den Übertritt ist?

Massgebend ist der Lehrplan. Der Schulstoff des zweiten Schuljahrs muss in allen drei Kompetenzbereichen erfüllt sein. Natürlich ist der Austausch mit den Eltern sehr wichtig. Wenn die erforderlichen Lernziele erreicht und alle Beteiligten einverstanden sind, steht einem Übertritt nichts im Weg.

Ein grosser Vorteil der Basisstufe ist, dass das ganze Spiel- und Lernmaterial immer allen Lernenden zur Verfügung steht. Die Kinder sehen sich gegenseitig beim Spielen und Lernen mit diesen Materialien zu und regen einander an. Die Lehrpersonen helfen den Kindern, die für sie geeigneten Angebote auszuwählen. Jedes soll sich mit individuell herausfordernden Aufträgen befassen. Für einige Kinder ist es sinnvoll fünf Jahre in der Basisstufe zu verweilen. Es sollte jedoch nie der Aspekt der Wiederholung von Lernstoff im Vordergrund stehen. Die Lehrpersonen orientieren sich am Lernstand des Kindes und unterstützen es beim Vertiefen seines Wissens und Könnens. Wir haben den Anspruch, dass Schülerinnen und Schüler beim Übertritt gut gerüstet sind und die im neuen Schuljahr geforderte Leistung erbringen können.

Machen Sie auch Lerntests?

Ja, die geübten Kompetenzen werden in Tests überprüft. Noten machen wir nicht. Wir arbeiten mit den drei «Gsichtli»: das kann ich sehr gut, diese Aufgaben habe ich gut verstanden, da muss ich noch weiter üben. Tests bieten gute Gelegenheiten, um mit den Kindern über das Lernen, das eigene Interesse an der Welt und die Neugierde auf Neues zu sprechen. Sie sollen verstehen, welche Bedeutung einer Thematik zukommt. Die Kinder erkennen, dass Lernen und Erforschen spannend und sinnvoll sind. Sie freuen sich über ihre Erfolge. Wenn etwas noch nicht so gut gelungen ist, schauen wir gemeinsam, wie man das ändern kann.

Wie regen Sie die Kinder zu Selbstbeurteilung an?



Wir machen den Kindern stets transparent, warum etwas gelernt und geübt wird. Wir reflektieren mit ihnen die Schritte des Lernweges, die Arbeitsformen und Zugänge zu einem Bildungsinhalt. So lernen sie, die eigene Arbeit zu beurteilen. Dazu führen wir das sogenannte «Buffetheft», das von jedem Angebot ein Foto enthält. Die Kinder tragen mit einem Stempel ein, wann sie wo gelernt und gespielt haben. Sie schreiben etwas dazu oder zeichnen ein Smiley, wenn es ihnen gut gelungen ist. Das Heft bietet Lehrpersonen und Kindern eine gute Übersicht über die genutzten Angebote. Wir unterscheiden zwischen dem «Grossen Buffet» und dem «Pultbuffet». Im «Pultbuffet» ist für jedes einzelne Kind vermerkt, mit welchen eingeführten Angeboten es sich im Laufe einer Woche beschäftigen muss. Das Buffetheft hilft dem Kind, die Aufgaben selbstbestimmt anzugehen. Bis Ende einer Woche müssen diese erledigt sein. Alle angebotenen Tätigkeiten haben den gleichen Stellenwert. Es ist wichtig, dass die Kinder ihre Aufgaben engagiert und interessiert anpacken, egal ob sie jetzt im Rollenspiel «Familie» spielen oder lesen.

Wie oft im Jahr führen Sie ein Standortgespräch mit den Eltern durch? Sind die Kinder beim Gespräch dabei?

In den ersten beiden Basisstufen-Jahren führen wir je zwei, wenn es sich aufdrängt aber auch zusätzliche Elterngespräche durch. Nachher führen wir pro Jahr ein Gespräch und verfassen einen schriftlichen Bericht. Auf Initiative einer Mutter führten wir ein, dass die Kindern im dritten und vierten Jahr an den Elterngesprächen teilnehmen. Wir Lehrpersonen hatten den Anspruch, dass die Kinder das Gespräch mitgestalten und den Eltern Auskunft über das eigene Lernen geben. Es war spannende Vorbereitungsarbeit nötig, um den Kindern zu zeigen, wie sie im Gespräch über sich berichten können. Die Lernenden gaben anhand verschiedener Arbeiten Auskunft über ihre Lernwege sowie die eigenen Projekte und erzählten, was sie noch lernen möchten. Sie konnten ihr Entdecken und Lernen sehr genau beschreiben.

Wir danken Ihnen, dass Sie sich für dieses Gespräch Zeit genommen haben.

 

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