farbwelt

Anspruch und Praxis

Unpassendes zur Beurteilung

Mit einigen Folien aus einem Referat zur Beurteilung werden Diskrepanzen zwischen ­Anspruch und realer Praxis illustriert. Diskrepanzen, die so nicht sein müssten.

Werner Jundt

 
Wohl die wenigsten Lehrpersonen assoziieren mit «Beurteilung» spontan die Funktion, die aus pädagogischer Sicht im Vordergrund steht: Die Verbesserung des Lernens. 1 Wenn Lehren/Lernen als interaktiver Regelkreis verstanden wird, dient Beurteilung zu dessen Steuerung. 2 Die Lehrperson fordert und erwirkt eine Lernleistung. Die Beurteilung dieser Lernleistung liefert Daten zur Qualität des Lernprozesses. Daraus lassen sich Schlüsse ziehen zu dessen Optimierung, namentlich über die Anpassung der Forderungen durch Stützmassnamen bzw. zusätzlichen Herausforderungen.
 
Das Beurteilungsmodell vieler Lehrpersonen ist indes ein anderes: Beurteilt wird nicht die Qualität des Lernprozesses, sondern eine Leistung nach dem Lernen. 3 Die so gewonnenen Daten wirken auch nicht auf das Lernen zurück, sondern dienen einzig der Bewertung der erbrachten Leistung und summativ der Qualifikation des/der Lernenden. – Der Widerspruch ist nicht unüberbrückbar. 4 Auch im «Regelkreismodell» lassen sich periodisch Daten zur Qualität von Lernleistungen im Hinblick auf eine summative Bewertung gewinnen.
 
5 Hier bringt eine Lehrperson den Lernenden einen Unterrichtsgegenstand in einem Referat näher. Dort erschliessen sich die Lernenden einen Inhalt eigenaktiv, begleitet von der Lehrperson als Lernfachmann/-frau. Zwei von unzähligen Unterrichtsformen. 6 Beurteilung ist meistens uniformer: Lernende bemühen sich einzeln um einen in der Regel abgespeckten Inhalt, gedrängt von der Uhr. Die Lehrperson hält sich auf Distanz. – Warum nicht Leistungen in authentischen Lernsituationen beurteilen, wo doch die Beurteilung Daten zur Qualität des normalen Lernens liefern soll?
 
Können und Ausführen ist mehr als Wissen. Kompetenzen sind Komplexe von Wissensstrukturen, Fähigkeiten, Einstellungen und Verhaltensweisen. Wie heterogen die einzelnen Komponenten sind, wird etwa deutlich, wenn man «Gleichungen lösen» – ein Faden im Strang der Fachkompetenz Mathematik – auffasert. 7 Darum ist Unterricht nicht mehr auf Auswendiglernen und Antrainieren von automatisierten Routinen beschränkt. Lernkontrollen aber rufen oft nur genau das ab. 8 So wird nur ein Bruchteil des in einem kompetenzorientierten Unterricht Gepflegten bewertet – und gewertet.
 
10 Kompetenzmodelle gehen von einer Matrix aus Inhaltsbereichen und Handlungsaspekten aus. Die Illustrationen zum Fach Mathematik können durch Beispiele zu anderen Fächern ersetzt werden. Aktuelle Lehrmittel bauen auf solchen Kompetenzmodellen auf. Zeitgemässer Fachunterricht geschieht im Bewusstsein dieser Matrix, ebenso eine professionelle Beurteilung.
 
Es gibt Beurteilungsinstrumente, die helfen, die erwähnten Diskrepanzen zu überbrücken. Zum Beispiel die «Mathematischen Beurteilungsumgebungen» (MBU). Lesen Sie mehr dazu auf den Seiten 18/19 und 32/33 dieser Ausgabe.

 

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