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Kolumne von Jürg Acklin

Notenzauber

 

Jürg Acklin Schriftsteller und PsychoanalytikerJürg Acklin
Schriftsteller und Psychoanalytiker

Wir kennen diesen anrührenden Moment, dieses Glück, wenn uns das eigene Kind mit einer gelungenen Zeichnung überrascht und verzaubert. «Da ist dir aber etwas Grossartiges gelungen!», rufen wir aus, «du bist ja ein kleiner Künstler.» Was macht es da aus, dass der Kamin schräg auf dem Dach steht und die Fenster nicht nach Stockwerken geordnet sind? Wem käme es in den Sinn, den magischen Moment dieser Begegnung mit einem Hinweis auf sogenannte Fehler zu zerstören? Das Schönste für das Kind ist das Staunen der Eltern. Da wäre das Bewerten ein scharfer Schnitt in die kindliche Seele.

 
Noten sind in jedem Fall eine heikle Angelegenheit. Kinder sind ja von sich aus neugierig und wollen etwas lernen. Die Reduktion des komplexen Prozesses von Lehren und Lernen auf eine Zahl von hoher gesellschaftlicher Bedeutung, auf eine Zahl, die schicksalshaft Weichen stellen kann wie der Daumen der Cäsaren im «circus maximus», ist grundsätzlich problematisch. Beim Notengeben müssen wir uns stets der Fragwürdigkeit unseres Tuns bewusst bleiben. Wenn ich mich an meine eigene Zeit als Lehrer zurückerinnere, dann habe ich wegen einer zu guten Note kein schlechtes Gefühl, wegen einer zu schlechten oder überhaupt wegen einer schlechten schon eher. Was nützt einem Kind eine 3 oder eine 2, trägt sie zur Verbesserung der Leistung bei, oder entmutigt sie auf Dauer? Meistens sind schlechte Noten eine narzisstische Kränkung für das Kind, und eine solche Kränkung, auch wenn sie vordergründig noch so gut gemeint daherkommt, zerstört jede gedeihliche Entwicklung. Grundsätzlich geht es beim Zensurieren um gesellschaftliche Anpassung, die das Individuum leisten muss, es muss seine eigene Welt mit dem öffentlich geforderten Regelsystem kompatibel machen. Die Frage ist, ob da nackte Zahlen wirklich die geeignetste Lösung sind.
 
Immerhin so viel: Noten sind allemal besser als die Ermittlung eines sogenannten IQ. Der IQ kommt gewissermassen im Stechschritt der Objektivität daher, die Note ist immerhin schön subjektiv unterfüttert. Wenn jemand eine 3 hat, kann er über den Lehrer schimpfen, hat jemand aber einen unterdurchschnittlichen IQ, dann kann er nur wie Don Quichotte mit seinem stumpfen Speer gegen die Windmühlen der Statistik anrennen.
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