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Am Beispiel von Mille feuilles

Beurteilen im Französisch-Unterricht

Beobachten, Wahrnehmen, Einschätzen, Beurteilen, Rück­melden, Fördern und Notengeben ­gehören zum Alltags­geschäft der Primarlehrerin Simone Ganguillet in Muri BE. Wie schaut das nun in den 3. und 4. Klassen aus, die mit dem Französisch-Lehrmittel «Mille feuilles» arbeiten?

Peter Uhr

profi-L: Simone Ganguillet, das neue Französisch-Lehrmittel nimmt die Kompetenzorientierung des kommenden Deutschschweizer Lehrplans vorweg. Das verändert sicher auch die Beurteilungskultur im Fremdsprachenunterricht. Sehen Sie das auch so?

Simone Ganguillet: Nein, also so radikal empfinde ich die Veränderung nicht. Im Fremdsprachenunterricht wie in anderen Fächern wenden wir das im Kanton Bern geltende Beurteilungsmosaik an. Das Gesamtbild einer Kompetenz ergibt sich einerseits aus einer langen Reihe von Beobachtungen über viele Wochen hinweg und wird andererseits komplettiert durch verschiedene Arten von Lernkontrollen. Dazu kommen dann noch die portfolio-ähnlichen Selbstbeurteilungen durch die Lernenden. Den «neuen» Fremdsprachenunterricht erlebe ich stärker als Weiterentwicklung des Bisherigen denn als Bruch mit dem bis anhin Üblichen.

Wie hilft Ihnen das Lehrmittel für das Beurteilen von Leistungen der Lernenden? Nehmen wir bei Mille feuilles zum Beispiel das zoom, ein Reflexionsmoment am Ende einiger parcours: Ist das der richtige Moment dafür oder ist das Wesentliche bereits während des Unterrichtsgeschehens geschehen?

Über das eigene Lernen nachdenken ist ein Element des Lernprozesses. Das zoom oder die revue dienen in der Tat der Selbstreflexion und -beurteilung der Schülerinnen und Schüler und nicht einer Lernstandsbestimmung durch die Lehrperson. Für Letzteres haben wir ja die summativen Evaluationsaufgaben auf der Lehrmittel-Plattform. Dabei erweisen sich die Kriterien- und Bewertungslisten zur Einschätzung der Schülerleistung als sehr wertvoll. Denn im ersten Jahr der Arbeit mit einem neuen Lehrmittel verfügt man über wenig gesicherte eigene Vergleichsmöglichkeiten.

Während des Unterrichts bewegen Sie sich durch die Klasse und widmen sich bei den verschiedenen Kindern oder Gruppen ihren jeweiligen Anliegen. Da nehmen Sie vieles wahr. Werden solche Beobachtungen dann Teil Ihres Beurteilungsmosaiks?

Abbildung mille feuilles In solchen Momenten kann ich zum Beispiel auf die Aussprache achten. Wenn wir diese vorher in der Klasse fokussiert haben, ein Kind damit aber noch Schwierigkeiten hat, dann setzt hier die individuelle Förderung ein. Ich bin nicht ständig am Beurteilen im Sinne von Festhalten, was ich anschliessend in Lernberichte oder Noten verwandeln könnte. Die Lernenden haben primär den Anspruch, von mir wirksam in ihrem Lernen gefördert zu werden.

Wie fliessen nun all diese Beobachtungselemente, Tests und Eindrücke schliesslich in eine Gesamtbeurteilung – oft sind das schliesslich Noten – ein?

In meiner Schule handhaben das nicht alle Lehrpersonen gleich. Bei einigen resultiert die Note sicherlich primär aus dem arithmetischen Mittel aller benoteten Leistungen. Gemäss Passepartout-Lehrplan sollen neben den rein sprachlichen aber noch zwei weitere Bereiche gefördert und beurteilt werden: Das Bewusstsein für Sprachen und Kulturen sowie die lernstrategischen Kompetenzen. Diese werden zum Teil ja nur im Rahmen der eigentlichen Spracharbeit sichtbar; also dienen mir die entsprechenden Wahrnehmungen zur Abrundung der Einschätzung aus dem Bereich der kommunikativen Kompetenzen.

In welcher Form kommen Ihre Rückmeldungen bei den Schülerinnen und Schülern an: in Form kompetenzbasierter Einschätzungen oder letztlich doch in Form von Noten?

Im Kanton Bern, wo ich unterrichte, ist es schon länger Tradition, detaillierte Beurteilungen zu den sprachlichen Teilfertigkeiten zu geben. Diese sind ja nicht meilenweit entfernt vom kompetenzorientierten neuen Lehrplan. Über Noten reden wir nicht gross; was zählt, sind Rückmeldungen, mit denen die Lernenden etwas anfangen können aus denen sie ersehen, was sie in den einzelnen Bereichen schon können, und was es als Nächstes anzupacken gilt. Aber paradoxerweise messen sich gerade die Kinder der 3. und 4. Klasse gerne auch untereinander mit Noten. Das Verständnis, dass Noten alleine nicht zwingend zur Zeugnisnote führen, haben noch nicht alle Kinder (und Eltern) entwickelt.

Mille feuilles ist ein kompetenzorientiertes Lehrmittel; es weist die Zielbereiche darum am Anfang eines parcours jeweils präzise aus. Reichen Ihnen diese Hinweise oder bräuchten Sie zur besseren Orientierung einen detaillierten Raster mit allen Kompetenzbeschreibungen und Niveaus über die ganzen 7 Unterrichtsjahre hinweg?

Mein Transparenz-Bedürfnis ist durch das Übersichtsplakat für das 3. und 4. Schuljahr, das nun offenbar fortgeführt wird bis Ende der Primarschule und dann weiter hinauf, gewährleistet. Mehr braucht es aus meiner Sicht nicht. Ich orientiere mich eher bei der Semestervorbereitung an der Übersichtstabelle; dann aber bewege ich mich vertrauensvoll innerhalb des Lehrmittels und seiner Zeitangaben.

Nun zur Selbstbeurteilung der Lernenden: Wie gut sind Kinder im Alter von 9 bis 11 Jahren in der Lage, ihre eigene Leistung einzuschätzen? Helfen ihnen die Formulierungen aus den Zielbereichen dabei?

Nach meinen Erfahrungen tendieren die Kinder am Anfang eher dazu, ihr eigenes Können zu hoch einzuschätzen. Einige schaffen es aber erstaunlich gut, eine realitätsnahe Selbsteinschätzung vorzunehmen. Sicher ist diese Fähigkeit aber etwas, das sich über längere Zeit entwickeln muss und umso besser gelingt, je eher die Selbsteinschätzung auch in den anderen Fächern ein selbstverständliches Element des Unterrichts ist. Wichtig ist, dass Reflexionsmomente im Verlauf des Lernprozesses für die Schülerinnen und Schüler etwas Natürliches sind, etwas, das ihrem Vorankommen dient. Ritualisiertes Reflektieren immer gleichenorts und ohne ersichtliche Nutzanwendung würde bald auf Desinteresse stossen.

Wie schaut es mit der Fähigkeit zur Beurteilung der Leistungen anderer Schülerinnen und Schüler aus? In Mille feuilles werden ja da und dort kriteriengestützte Rückmeldungen vorgeschlagen.

Ja, das ist bereits in der 3. Klasse der Fall. Es ist wie bei der Selbstbeurteilung: Einige können das gut, bei anderen ist diese anspruchsvolle Wahrnehmungsfähigkeit noch nicht genügend entwickelt. Es ist eine unserer zentralen Aufgaben, diese Kompetenzen systematisch zu fördern. In «Mille feuilles» werden die Tests «summative Evaluationen» genannt: Wir nehmen an, Ihre Schülerinnen und Schüler erleben diese Tests vor allem als das «Abprüfen» von Gelerntem? Nein, nicht nur. Bei Mille feuilles ist diese Form der Evaluation eng auf den parcours bezogen, auf die sprachlichen Mittel, die darin behandelt werden. Die Evaluation wirkt gleichzeitig wie eine Repetition. Die Lernenden erinnern sich dabei an hilfreiche Strategien und aktivieren nochmals die Erkenntnisse der zurückliegenden Wochen. Es ist zuweilen erstaunlich, wie gut und selbstverständlich die Kinder den Gebrauch von Strategien verinnerlicht haben und diese auch sinnvoll anwenden.

Frau Ganguillet, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Begriffe aus dem Französisch-Lehrmittel Mille feuilles

parcours
Eine mehrwöchige Lernsequenz, die mit einer grösseren Aufgabe (tâche) abschliesst

zoom
Einige kurze Reflexionsmomente am Ende eines parcours

revue
Das Heft mit dem Klassen- und individuellen Wortschatz, mit den eigenen Einträgen zu sprachlichen Mitteln inkl. Grammatik sowie den Lernstrategien

tâche
Eine grössere, eine gewisse Selbstständigkeit erfordernde Aufgabe, die im Verlauf eines parcours vorbereitet wird

Passepartout
Die Projektorganisation der sechs deutsch- und zweisprachigen Sprachgrenzenkantone zur Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts

Summative Evaluation
An das Lehrmittel angelehnte Testaufgaben nach Abschluss eines parcours. Sie befinden sich zum Download auf der Mille feuilles-Internet-Plattform.

Beurteilungsmosaik
Wird unter anderem im Kanton Bern verwendet, um eine breitere Beurteilungsbasis zu erhalten, die sich nicht nur auf so genannte Lernkontrollen abstützt. Einbezogen werden ja nach Fach auch prozessbegleitende Beobachtungen, Klassengespräche, Präsentationen, mündliche Produkte, Arbeitsverhalten etc.

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