farbwelt

Editorial

Ein heisseres Eisen gibt es nicht ...

 

peter uhrPeter Uhr

... doch das ist kein Grund, es nicht anzufassen. Gerade für die Beurteilungskultur gilt wohl, was für Kulturen im Allgemeinen gilt: Sie sind das Ergebnis langer Entwicklungs- und Aushandlungsprozesse. Sie stellen eine Art vorübergehenden Common Sense dar und können nicht so schnell über den Haufen geworfen werden. Was aber ist das Heisse an diesem Eisen? Verkürzt gesagt, es ist der «Streit um die Noten», bei dem politisches und pädagogisches Gedankengut aufeinanderprallen. Das Politische: Selektion muss sein; dafür braucht es Kriterien; Noten sprechen eine klare Sprache; wer dieses Instrument ablehnt, frönt einer schädlichen Kuschelpädagogik. Das Pädagogische: Selektion findet zwar statt; Kompetenzen und ihre Beurteilung sind aber viel differenzierter, als nackte Noten es abbilden können; beim Beurteilen steht das Fördern im Vordergrund – Noten sind wenig hilfreich. Beide Seiten wissen natürlich: Die Beurteilung wirkt auf den Unterricht zurück. Meinen beide im Grunde den Unterricht, wenn sie über die Beurteilung streiten?

Das Spannungsfeld formative versus summative Beurteilung kann zu einem inneren Konflikt führen.

Und jetzt: Ein Heft voll von ideellen bis ideologischen Positionsbezügen? Nein, es gibt rund um die Beurteilung von Lehrerinnen- und Schülerleistungen viel mehr und viel Spannenderes als diese gesellschaftspolitische Diskussion, die mit den tatsächlichen Erfordernissen in den Schulzimmern nur wenig zu tun hat. Sicherlich wird die kommende, kompetenzenbasierte Neuorientierung der Schule die Frage aufwerfen: Sollen die differenzierten Erkenntnisse über die unterschiedlichen Leistungsstände eines/einer Lernenden schliesslich in eine aussagearme Note verdünnt werden? Und wem diente das wirklich? Aber auch mit HarmoS Minimalstandards, mit neuem Lehrplan und Kompetenzprofilen gibt es den gesellschaftlichen Auftrag, dass die Schule Selektionen vorzunehmen hat. Das Spannungsfeld formative versus summative Beurteilung kann zu einem inneren Konflikt führen. Vor allem bei Lehrpersonen, die ihren Berufsauftrag als individualisierendes Fördern und Fordern begreifen, in ihrem Schulhaus aber auf eine starke Fraktion «Selektionisten» treffen. Und dabei wären wir dann wieder beim Thema unserer letzten Ausgabe, jenem über die Schulhauskultur/-en (www.profi-L.net). Nun aber rein ins neue Magazin! Überprüfen Sie anhand der Beiträge, welche Konzepte von Beurteilung Ihnen bekannt, sympathisch oder neu sind und welche Sie vielleicht in die Diskussion an Ihrer Schule einbringen möchten.

 
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