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«Ehemalige Kids» blicken zurück

Offener Unterricht bleibt besser in Erinnerung

Hansruedi Hediger

Lukas, Student PH Bern

Im offenen Unterricht wird von der Lehrperson ein Angebot von Lernaufgaben, Unterrichtsarrangements und Unterrichtsmaterialien bereitgestellt, das jedoch von den Lernenden grösstenteils selbstständig erarbeitet wird. Dadurch rückt die Eigeninitiative der Lernenden ins Zentrum. Es geht also ums «Entdecken» von Wissen. Offener Unterricht wird aber häufig auch zum Üben oder Vertiefen eines Themas eingesetzt.

Im geführten Unterricht leitet die Lehrperson die Schülerinnen und Schüler an und gibt klar vor, was getan werden soll. Der geführte Unterricht bietet also wenig Raum für Eigeninitiative oder Selbstständigkeit der Lernenden. Es geht vor allem um die «Vermittlung» von Wissen.

«Ich habe während meiner Schulzeit beide Unterrichtsformen erlebt. Häufig dienten die geführten Unterrichtssequenzen dazu, ein Thema einzuführen oder zu besprechen. Anschliessend folgten Unterrichtssequenzen, die offener gestaltet waren. So erhielten wir beispielsweise eine Auswahl von Übungen, um die Anwendung einer Französischregel zu üben. Welche Aufgaben wir absolvierten, war uns selbst überlassen.
Zwischendurch hatten wir aber auch die Möglichkeit, in offen gestaltetem Unterricht eine Sache genauer kennen zu lernen. Dieses Forschen, Experimentieren und Recherchieren hat mir meistens grossen Spass gemacht. Die Durchmischung von geführtem und offenem Unterricht empfand ich als Schüler sehr angenehm und bereichernd.»

Sam, Student PH Bern

Offener Unterricht zwingt die Schülerinnen und Schüler, sich selber Gedanken zu machen, eigenständig zu handeln. Er fördert die Selbstständigkeit. Diese Form ist für schwächere Schüler und Schülerinnen schwieriger. Ihnen fehlt dazu oft die nötige Konzentration und Ausdauer. Offener Unterricht setzt denn auch bestimmte Kompetenzen voraus, die man mit der Klasse aufbauen muss. Ich werde in meinem Unterricht aber auch geführten Unterricht praktizieren.

«Ich habe in der Volksschule einen relativ stark geführten Unterricht erlebt, habe gewusst, was zu tun war und was von mir verlangt wurde. Von diesem klaren Rahmen, diesen übersichtlichen Strukturen habe ich und hat auch unsere Klasse damals stark profitiert. Der Werkunterricht dagegen war völlig offen. Wir durften selbst Projekte vorschlagen, ausarbeiten und durchführen. Ich erinnere mich gut daran, selbst einen Baseballschläger entworfen und hergestellt zu haben. Im Gymnasium wurde der Unterricht dann offener. Geführt waren die Einführungen und die Theorieblöcke, dann war es an uns, die geforderten Ziele zu erreichen.»

Stéphanie, Studentin PH Bern

Offenen Unterricht habe ich in den Praktika bisher nur als Werkstattunterricht erlebt. Eine Oberstufenklasse, die wir besuchten, durfte hingegen den Morgen selbst gestalten – ein Projekt in irgendeinem Fach erarbeiten. Diese Unterrichtsform stelle ich mir als echten, offenen Unterricht vor. Dies ist aber nur mit einer Klasse mit den nötigen Voraussetzungen möglich. Ich befürworte den offenen Unterricht, obschon er für die Lehrperson mehr Vorbereitung und Übersicht braucht und anstrengender ist. Bei den Lernenden setzt er ein gutes Arbeitsverhalten voraus.

«Die Mathematik erlebte ich in meiner Schulzeit geführt und sehr «trocken» – Listen von Aufgaben zum Abhaken. Wir konnten einzig entscheiden, in welcher Reihenfolge wir die Aufgaben anpacken und ob wir sie heute oder morgen erledigen wollten. Ende der Woche musste sowieso alles fertig sein. Die Rolle meiner damaligen Lehrperson ist mir nicht mehr so bewusst – ist sie am Pult gesessen, hat sie korrigiert, hat sie einzeln beraten? Im Gegensatz zum geführten Unterricht ist mir vieles aus dem offenen Unterricht ganz gut in Erinnerung geblieben, zum Beispiel eine Versuchsreihe mit Pflanzen, bei der wir selbstständig untersuchen und beobachten konnten.»

Irini, Studentin PH Bern

Obwohl an der PH und in der Praxis viel vom offenen Unterricht geredet wird, kenne ich aus meinen Erfahrungen aus diversen Praktika, welche ich im Laufe meines Studiums absolviert habe, vor allem den geführten Unterricht. Ich sehe eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Der offene Unterricht – er wird für die hohe Schüleraktivität, das selbstständige Lernen, das individuelle Lerntempo, die Mit- und Selbstbestimmung der Schüler und Schülerinnen gelobt – findet in der mir bekannten Praxis kaum seinen Platz. Dies wohl darum, weil der offene Unterricht einen hohen Grad an Organisation und Aufwand bedeutet. Er kann wahrscheinlich erst dann erfolgreich funktionieren, wenn die ganze Schul- und Klassenstruktur anders organisiert wird.

«Im Schulalltag sind Formen des offenen Unterrichts am ehesten in Mehrjahrgangsklassen, im Projekt- oder Werkstattunterricht zu finden. Ich persönlich würde meinen Unterricht gerne so gestalten, dass die Schüler und Schülerinnen aktiv und motiviert und mit einer zunehmenden Selbstständigkeit daran teilnehmen.

Offener Unterricht: Spontan kommt mir eine Deutschsequenz in der 9. Klasse in den Sinn, während der wir das Buch «Das Versprechen» von Dürrenmatt gelesen haben. Wir erhielten dazu den Auftrag, selbstständig eine gewisse Anzahl von Lesetagebucheinträgen zu gestalten. Während der Deutschlektionen hatten wir Zeit, daran zu arbeiten. Man entschied dabei selbst, ob man lesen, schreiben, austauschen, denken oder zeichnen wollte. Ich mochte diese Arbeitsform sehr und habe auch in meiner Freizeit viel Energie in dieses Projekt investiert.»

Michelle *, Studentin, PH Bern

Geführten Unterricht verbinde ich sofort mit lehrerzentriertem Unterricht. Die Lehrperson redet, gibt vor, erklärt, und die Schülerinnen und Schüler hören zu, lösen Beispiele und üben. Der Ablauf des Unterrichts ist klar vorgegeben, ebenfalls die Arbeitsform. Diese Unterrichtsform wird oft in Hauptfächern angewendet.

Schüler und Schülerinnen bestimmen im offenen Unterricht aus einer Auswahl selbst ein Thema. Differenzierung ist hier besser möglich. Im Deutsch erarbeiten die Lernenden z. B. zu irgendeiner Person eine Biografie. Das Endprodukt, sei es ein Wandblatt, ein Vortrag oder ein Hörtext, wird ebenfalls selbst gewählt. Schüler und Schülerinnen können auf diese Art viel Persönliches und eigene Interessen einbringen, was wiederum die Motivation und den Lerneffekt erhöht. Es braucht aber eine bewusste Heranführung an diese Unterrichtsform, sonst sind die Schülerinnen und Schüler überfordert.

«Dem Epochenunterricht in der Rudolf-Steiner-Schule wurde viel Bedeutung beigemessen. Während mehrerer Wochen arbeiteten wir intensiv an einem Thema. Dabei gab es neben sehr geführten Phasen auch ganz offene. Einen ganzen Vormittag haben wir zum Beispiel einmal den Pausenplatz vermessen oder wir durften selbst ein Vortragsthema über Musik wählen oder in Geografie ein Land vorstellen. Am offensten waren allerdings die Theaterprojekte, an denen sich jeder Schüler und jede Schülerin gemäss den eigenen Fähigkeiten beteiligte. Letzteres habe ich in sehr guter Erinnerung, auch weil es meine Selbstkompetenz gefördert hat.

Dieser offene Unterricht ging einher mit Freiheiten und mit einer Beurteilung ohne Noten, was aber grossen Einsatz und genügend Ehrgeiz brauchte.»

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