farbwelt

Architekten planen pädagogisch

Dem Lernen Raum geben

Wenn wir eine neue Lernkultur wollen, in der die notwendige Individualisierung und Differenzierung im Rahmen eines vielfältigen Schullebens realisiert wird, müssen wir auch differenzierte Raum- und Lernumgebungen zur Verfügung stellen.

Daniel Friederich

Viele Menschen verbringen einen beträchtlichen Teil ihrer Kindheit und Jugend in der Schule; sie durchleben daselbst eine entscheidende Phase ihrer Entwicklung. Schulen als «Treibhäuser der Zukunft» (KAHL 2004), als Zukunftsbiotope, müssen daher Arbeits- und Lernlandschaften, Orte zum Verweilen, Orte der Begegnung und damit Stätten im Sinne eines weiteren «zu Hause»-Seins verkörpern.

Der Schulraum, seine Grösse, Gliederung und Beschaffenheit war lange im Grunde unveränderbar, statisch festgelegt und über Baurichtlinien fixiert. Viele Schulgebäude bestehen nach wie vor aus einer Anzahl gleicher Räume alle gleich gross (oder gleich klein), meist mit der gleichen Farbe gestrichen, oft unzweckmässig belichtet, und sie haben eine uniforme Grundausstattung – praktisch und sauber, mit wenig Ablenkungen und zum Verweilen nicht sehr einladend. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn der einzige Drang der Heranwachsenden darin besteht, aus diesen Räumen so rasch als möglich zu fliehen.

Von der Offenheit des Raumes kann man auch eine
«zivilisierende Wirkung» erwarten.

Hartmut von Hennig

Dass eine räumlich veränderte Lernumgebung positive Wirkungen auf das Lern- und Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen hat, zeigen diverse beispielhafte Projekte. Räumliche Erweiterungen und Neustrukturierungen sind ein ernst zu nehmender Faktor für ein positives Lernklima. Von der Offenheit des Raumes kann man, wie Hartmut von Hentig (1997) schreibt, auch eine «zivilisierende Wirkung» erwarten.

Wenn die Schule also ein Ort sein soll, wo…

…jedes Kind das Recht auf umfassende Entfaltung der Persönlichkeit erhält,

…Kinder soziale Kontakte knüpfen können,

…Lernprozesse angeregt, angeleitet, unterstützt und gefördert werden,

…das Interesse am Lernen offengehalten wird,

muss sich die Planung und Gestaltung von Unterricht (und Unterrichtsräumen) am Grundsatz der Individualisierung und Differenzierung orientieren.

Differenzierter Unterricht steht unter dem Anspruch, jedem Lernenden auf möglichst optimale Weise Lernchancen zu bieten. Offene Lernsituationen sind dadurch gekennzeichnet, dass wesentliche Entscheidungen so weit wie möglich vom Schüler oder von der Schülerin selbst getroffen werden, ihm/ihr also offen stehen. Erfolgreiches Lernen ist also aktives Lernen und dies erfordert eine Entsprechung im Raum.

Wenn die Kinder einer Lerngruppe gleichzeitig an unterschiedlichen Lernaufgaben arbeiten, lässt sich das nicht in einem Klassenzimmer bewältigen. Dafür ist eine Erweiterung des Lernraumes durch zusätzliche Gruppenräume bzw. Lerninseln vor den Klassenzimmern notwendig.

Mit diesen und weiteren Themen haben sich die Architekten von agps auseinandergesetzt, als sie die Projekteingabe «FUCHUR» für den Neubau der Schulanlage Blumenfeld in Zürich-Affoltern eingereicht haben. Mit ihrem Projekt überzeugten sie die Jury und wurden mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Im nächsten Jahr soll das Schulhaus gebaut werden.

Zwei Wahrnehmungen prägten ihre Arbeit grundlegend:

1.Mit einem eigenständigen Baukörper inmitten zeitgenössischer Wohnsiedlungen soll das Schulhaus als besonderes Haus wahrgenommen werden.

2.Im Innern soll das Schulhaus als Cluster von Häusern mit unterschiedlichen Nutzern erlebt werden. Es hat Schüler, Lehrer, Betreuer, Quartier- und Turnvereine etc., die täglich die unterschiedlichen Einrichtungen benutzen.

Eingebettet in eine Abfolge von Terrassen, die den Aussenraum in unterschiedliche Bereiche gliedert, tritt die Schule als «Haus» oder «Schul-Haus» in Erscheinung – ein lang gestreckter und flacher Baukörper, der sich stark von den umliegenden hohen Wohnbauten unterscheidet. Nach der Meinung der Architekten sollen Schülerinnen und Schüler das Schulhaus anders wahrnehmen als ihr Zuhause. Das Schulhaus soll deshalb in seiner Gestaltung einen stärkeren Bezug zum Boden und ein munteres Rein- und Rausgehen ermöglichen, meinen sie.

Die schulischen Aussenräume sollen als öffentliche Freiräume die Verbindung zwischen Schule und Quartier schaffen. Der Allwetterplatz, die Spielwiese, die gedeckte Eingangszone können von den Quartierbewohnern auch ausserhalb der Schulzeit benutzt werden, weil das Quartier «Neuaffoltern» bereits heute eine Unterversorgung an öffentlichen Freiräumen aufweist.

Die eigentlichen zentralen Elemente der neuen Schulanlage sind die Schulräume für die Grund- und Primarstufe. Sie sind als kleine Häuser konzipiert, die in einem Gefüge von innen liegenden «Gassen», «Höfen» und «Vorplätzen» eingebettet sind. Damit diese Gassen, Höfe und Vorplätze für den Unterricht genutzt werden können, musste erst einmal eine feuerpolizeiliche Hürde genommen werden. Würde der grosse Schulhauskörper nur durch das grosse Treppenhaus und den Flur erschlossen, dürfte in den Gängen und Nischen kein Gruppenunterricht stattfinden, da so die Brandschutzanforderungen nicht gewährleistet wären. Deshalb suchten die Architekten nach einer Lösung, die ihnen die vollumfängliche Nutzung des umbauten Raumes erlaubt:

Zwischen jeweils zwei Schulzimmern wird ein direkter Aus- bzw. Eingang in den Aussenraum gebaut. So erhält fast jede Klasse zusätzlich zum Haupteingang einen «privaten» Ein- und Ausgang. Die feuerpolizeilichen Anforderungen lassen sich auf diese Weise gut erfüllen.

Sie ordnen zudem die zahlreichen Schulzimmer nicht längsseitig, sondern quer zur Fassade an – eine Massnahme, die einen kompakten und ökonomischen Baukörper ermöglicht und die Fensterfront an eine Schmalseite des Schulzimmers legt. Kleine Höfe und Oberlichter tragen dazu bei, dass die Schulzimmer jeweils von zwei Seiten belichtet werden. 

Das Schulhaus ist fast 40 Meter breit. Zwischen den ost- und westseitig liegenden Schulzimmern entsteht somit ein breiter Korridor mit Lichthöfen. Darin befinden sich Gruppenräume, Lernzonen, Arbeitsnischen, Ausstellungsflächen, Garderoben etc., die in einem direkten Bezug zu den eigentlichen Schulzimmern stehen. Die Schulzimmer selber sind so gross, dass beispielsweise eine Lernzone im Fassadenbereich durch eine intimere Gruppenzone Richtung Hof ergänzt werden kann. 

Sowohl die Kindergarten- wie auch die Primarschulräume sind mit den Nebenräumen und Arbeitsnischen in den Gängen so konzipiert, dass sich offene Unterrichtssituationen ohne grösseren organisatorischen Aufwand durchführen lassen. Damit haben die Architekten zusammen mit ihrem Berater von der Pädagogischen Hochschule Zürich, Max Iseli, eine bestechende Lösung für die heutigen Raumansprüche einer modernen Schule und ihrem Unterricht gefunden.

Die Gemeinschaftsräume wie Bibliothek, Musik- und Werkunterricht, Mehrzweckraum und die Turnhalle sind an der Stirnseite des Gebäudes in direkter Nachbarschaft zum Haupteingang angeordnet. Sie bilden quasi den Kopf der Anlage und sind zum öffentlich zugänglichen Allwetterplatz mit Spielwiese orientiert. Die Schul- und Gruppenzimmer können am Abend leicht von den öffentlich genutzten Mehrzweckräumen abgetrennt werden.

Das Siegerprojekt wurde in der Zwischenzeit den finanziellen Möglichkeiten der Stadt Zürich angepasst. Nicht realisiert werden die Pergola auf dem Dach und die Balkone im ersten Geschoss. Dank dieser Projektänderung konnte der Innenraum noch etwas vergrössert werden und damit dem Lernen noch etwas mehr Raum zur Verfügung gestellt werden. 

Fazit:
Auch wenn der Baukörper von aussen recht unspektakulär wirkt, entfaltet er sein Potenzial im Innern. Die Architektur lässt diverse Unterrichtsmodelle zu, sodass man gespannt sein kann, wie die Lehrerinnen und Lehrer den zur Verfügung gestellten Raum kreativ nutzen werden. Die äusseren Bedingungen für mutige didaktische Konzepte wären vorhanden! Ich stelle mir vor, dass eine Schülergruppe in der Lernzone ausserhalb des eigentlichen Schulzimmers eine Aufgabenstellung diskutiert, während im Schulzimmer die Lehrperson einigen Schülerinnen und Schülern einen Sachverhalt nochmals erläutert. In der Lernzone im Schulzimmer könnte gleichzeitig eine andere Schülergruppe eine Lernaufgabe schriftlich lösen. Unterschiedliche Lernarrangements zur selben Zeit in naher räumlicher Nachbarschaft. Für einen individualisierenden Unterricht sehr förderliche Rahmenbedingungen!