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Auch offener Unterricht bedingt gute Führung

Vom Anstossen der Kugel…

Eigentlich ist in unserem Unterricht alles geführt» und «Es ist, als ob man eine Kugel anstossen würde – nachher geht es in einem offeneren, individuelleren Rahmen weiter», schildert die Lehrerin im Gespräch. Doch lesen Sie selbst.

Verena Eidenbenz

In der Grundstufe Weidli in Uster beginnt der Tag mit einer Singrunde. Die Kinder singen auffallend gut, sogar im Kanon. Mit jedem Lied sind noch kleine Aufgaben verbunden – beispielsweise werden anhand von Bildern Tiere benannt. Gar nicht so einfach Hirsch und Reh zu unterscheiden. Das Lied «Schnee und Ys» haben die «Grossen» den jüngeren Kindern beigebracht. Zum Text haben sie passende Bewegungen kreiert. «So kann man die Worte besser behalten», erzählen sie voller Stolz.

«Yeah!», jubeln die Kinder begeistert, als die beiden Lehrerinnen ankündigen, dass heute an Posten gearbeitet werde. Sie verteilen sich völlig selbstständig an die verschiedenen Arbeitsplätze. Als ich zwei Stockwerke tiefer im «Gumpizimmer» ankomme, haben die Kinder mit Tischen, Bänken, Stühlen und Tüchern eine stabile Hütte gebaut, fehlt nur noch das Dach. Zwei Kinder haben sich bereits ins Innere der «Eisbärenhöhle» zurückgezogen. Später zeigen sich die jungen Eisbären und knurren gefährlich. In der Garderobe ist unterdessen eine Musikgruppe am Werk. Die Kinder probieren die bereitgelegten Instrumente aus und haben die Aufgabe, gemeinsam eine «Eiszapfenmusik» zu komponieren. Nach einer kleinen Probe stellen die Kinder fest, dass sie einen Dirigenten brauchen. Zwei Kinder möchten diese Rolle übernehmen. Die Gruppe kann sich nicht einigen und braucht Hilfe von der Lehrperson. Später dürfen sie ihr Musikstück der Klasse vorspielen. Alle hören aufmerksam zu und applaudieren. Die Lehrpersonen fragen: «Weshalb hat das so gut getönt?» «Sie haben einen Dirigenten gehabt», meint ein Kind. «Und wie hast du das gemerkt, hat jemand dirigiert?» «Nein, sie haben immer zu einem Kind geschaut. Dieses hat mit Blinzeln die Einsätze gegeben», meinen die Kinder. Übrigens, auch berühmte Dirigenten wenden diese «Führungstechnik» an.1

Nach dem Znüni und der langen Pause ziehen sich die «Grossen» in die sogenannte «Bärenstube» zurück. Dort lösen sie Mathematikaufgaben – plus und minus. Auch jüngere Kinder stossen später zu dieser Gruppe. Die anderen Kinder haben unterdessen einen Spielort gewählt und sind bald ins Spiel vertieft. 

Mit Iris Vogel, einer der beiden Lehrpersonen, kann ich mich nach Unterrichtsschluss über geführten und offenen Unterricht unterhalten:

profiL: Sie praktizieren einen sehr offenen Unterricht. Bei welchen Lerninhalten und in welchen Situationen ist Ihr Unterricht geführt?

Iris Vogel: Eigentlich ist in unserem Unterricht alles geführt. Bereits durch unsere Präsenz, durch die Wahl der Lerninhalte und Materialien schaffen wir Vorgaben. Geführte und offene Sequenzen sind stark ineinander verwoben. Geführten Unterricht im Sinne eines Frontalunterrichts praktizieren wir nicht. Ein Input, meist eine Einführung verbunden mit einer Fragestellung, ist eher kurz und dauert vielleicht 15 bis 20 Minuten. Es ist, als ob man eine Kugel anstossen würde – nachher geht es in einem offeneren, individuelleren Rahmen weiter. Nach der Einführung lassen wir viel Freiraum. Zur vertieften Auseinandersetzung arbeiten die Kinder in altersdurchmischten Gruppen. Diese lösen die Aufgaben jeweils unterschiedlich. Jede Gruppenarbeit wird mit allen Kindern gemeinsam gewürdigt. Dieses Reflektieren entspricht einem geführten Unterricht. Mit unseren Fragen führen wir die Kinder zu einer bewussteren Betrachtung ihrer Arbeit. Gelungene Ideen und Lösungen werden von den Kindern später übernommen und variiert.

Können Sie den offenen Unterricht noch etwas genauer beschreiben?

Die Klassenzusammensetzung bestimmt den Grad der Führung oder die Offenheit des Unterrichts. Die Postenarbeit von heute Morgen würde ich als offenen Unterricht bezeichnen. Die einzelnen Aufgaben beinhalten unterschiedliche Niveaus. So können wir gezielt Gruppen begleiten, die unsere Hilfe brauchen, während andere Gruppen nach einer Einführung selbstständig arbeiten. Das Lernen von- und miteinander in den altersgemischten Gruppen ist für die Kinder hilfreich und unterstützend. In der kleinen Gruppe kommen die einzelnen Kinder mehr zur Geltung und trauen sich mehr zu als in der Grossgruppe. Der von uns vorgegebene Rahmen und unsere Begleitung bietet den Kindern Orientierung und Sicherheit. Auf dieser Grundlage können sie ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten weiterentwickeln. Ganz offen ist unser Unterricht an einem Waldmorgen, der ca. alle drei Wochen stattfindet. Dort stellen wir uns auf die Interessen, Spiel- und Bewegungsbedürfnisse der Kinder ein. Als offenen Unterricht würde ich auch die Umsetzung von Kleinprojekten bezeichnen. Die Kinder bringen oft eine Idee mit und möchten diese realisieren. Ein Mädchen mit chinesischer Muttersprache lehrt die Kinder beispielsweise chinesische Schriftzeichen malen. Wenn sich viele Kinder für eine Idee interessieren, kann daraus ein gemeinsames Thema resultieren.

Werden die Kinder gezielt in die altersgemischten Gruppen eingeteilt?

Für die Postenarbeit teilen wir die Kinder in Gruppen ein. Die Gruppenzusammensetzung variiert je nach Angebot. Für das Angebot vom heutigen Morgen haben wir darauf geachtet, dass «Grosse und Kleine» in der Gruppe ausgewogen verteilt sind. Die Kinder sollen sich auf die Aufgaben konzentrieren können und sich nicht mit organisatorischen Dingen oder der Gruppeneinteilung befassen müssen.

Heute lief alles wie am Schnürchen – wie bauen Sie das auf?

Die Kinder arbeiten von Anfang an in Gruppen. Wir beginnen mit ganz einfachen Aufgaben und begleiten jede Gruppe intensiv. Der Ablauf prägt sich schnell ein. Ausserdem kennen einige Kinder diesen bereits aus dem Vorjahr. Für die Postenarbeit erstellen wir jeweils einen Plan zur Orientierung. Die Kinder brauchen diesen selten. Meistens wissen sie, zu welcher Gruppe sie gehören. Mindestens ein Kind kennt auch die Abfolge der Aufgaben. 

Wie sieht es mit der Lernbegleitung aus?

Diese variiert von Situation zu Situation. Die geführten Sequenzen finden in der Regel im Kreis statt. Wir sind zu zweit, oder eine von uns übernimmt die Führung allein. Bei offenen Sequenzen gestalten wir das Angebot so, dass einfachere Aufgaben ohne Hilfe gelöst werden können. Bei den anspruchsvolleren Aufgaben begleiten wir die Kinder. Mit gezielten Fragestellungen helfen wir ihnen, selbst Lösungen zu finden. Manchmal braucht es eine Anleitung, damit die Kinder die einzelnen Arbeitsschritte selbstständig tätigen können. Da wir zu zweit arbeiten – ein grosser Vorteil –, teilen wir uns für die Begleitung der Gruppen oder einzelner Kinder vorher auf. 

Wie sieht es punkto Führung des «freien Spiels» aus, wie frei sind die Kinder? 

Die Kinder wählen in der Regel einen Spielort aus und zeigen ihre Wahl auf einer Tafel an. Bei einzelnen Spielorten haben wir aus Platzgründen die Anzahl Kinder eingeschränkt. Wenn mehr Kinder an diesen Plätzen spielen möchten, besprechen wir das gemeinsam. Für einige Kinder ist es wichtig, mit wem sie spielen, für andere hat das Spielmaterial Priorität. Seit kurzem bieten wir bewusst weniger Spielorte an und wechseln das Angebot von Woche zu Woche. Immer mittwochs, wenn das Spielangebot ändert, werden alle Kinder einem Spielort zugeteilt. Das Schülerinnen- und Schülerfeedback zeigt, dass Kinder diesen Eingriff eher als Herausforderung denn als Einschränkung erleben. Für die Kinder ist der Unterschied zwischen offen und geführt nicht entscheidend. Der Entwicklungsstand ist massgebend für ihre Vorlieben. Kinder, die sehr weit sind, machen gerne etwas Anspruchsvolles, die jüngeren Kinder finden das freie Spiel toll.

Fragen wir doch die Kinder gleich selbst:

  • Wenn du Grundstufenlehrer/-Lehrerin wärst, was würdest du für die Kinder planen?
  • Was machst du in der Grundstufe am liebsten: Gemeinsam etwas im Kreis, in einer Gruppe (z.B. Postenarbeit) oder Spielen?

Michi (3.GS)

  • Turnen, Singen, Musik und Tanzen und Postenarbeit.
  • Am liebsten habe ich Mathematik und Spielen. Postenarbeit mache ich gerne. Es hat verschiedene Aufgaben und ich kann sicher sein, dass ich zu jedem Posten darf. Im Freispiel ist ein Spielplatz manchmal besetzt!

     

    Lena (1.GS)

  • Dann würde ich machen, dass sich die Kinder verkleiden können.Nachher gibt es ein Konzert mit Singen und Instrumenten.
  • Posten mache ich lieber als Spielen, wegen dem Basteln.

     

    Valentin (2.GS)

    • Dann würde ich das Thema Dinosaurier und dazu Dinosaurierposten machen oder das Thema Flugzeuge, Autos und Lastwagen.
    • Posten habe ich am liebsten, weil es etwas Besonderes ist und ich basteln kann.

       

      Nina (2.GS)

    • Postenarbeit habe ich gerne, weil es immer wieder etwas Neues ist und beim Spielen ist es doch jeden Tag das Gleiche.
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