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Offener Bewegungsunterricht

Mut tut gut!

Kinder sind von Natur aus neugierig, experimentier- und bewegungsfreudig. «Mut tut gut» ermuntert Lehrpersonen, vermehrt auf offene Bewegungsangebote zu setzen

Andrea Baumeler (Text)
Hansruedi Baumann (Fotos)

Kinder können mehr, Kinder können viel mehr, Kinder können sehr viel mehr, als die meisten Erwachsenen ihnen zutrauen – und dies gilt in ausgeprägtem Masse für den Bewegungsbereich. Das Lehrmittel «Mut tut gut» baut auf den Bewegungsbedürfnissen der Kinder auf und möchte Lehrpersonen der Vorschul- und Unterstufe Mut machen, vermehrt auf offene Bewegungsangebote zu setzen. Dabei stehen die Experimentierfreudigkeit und der kindliche Bewegungsdrang im Zentrum. 

Reform im Sportunterricht der unteren Stufen

Früher unterlag der Bewegungsunterricht weitgehend einem direktiven Erziehungsstil. Lehrpersonen getrauten sich oft nicht, mit offenen Formen zu unterrichten. Eine moderne Bewegungserziehung geht jedoch davon aus, dass das Bewegungsbedürfnis im Kind angelegt ist. Um diese intrinsische Motivation im Unterricht zu fördern, bilden offene Bewegungsformen eine optimale Lernumgebung. Dieser Gedanke liegt dem Lehrmittel «Mut tut gut» zugrunde. Durch diesen neuen Ansatz und die damit verbundenen Weiterbildungen hat in den letzten zehn Jahren gerade auf der Vorschul- und Primarunterstufe ein bedeutender Wandel hin zu Sportunterricht mit offenen Bewegungsformen stattgefunden. 

«Wem es gelingt, Menschen durch Körperübungen leuchtende Augen zu schenken, der tut Grosses auf dem Gebiet der Erziehung! 

Heinrich Pestalozzi

Bewährt und praxiserprobt

Das Kartenset «Mut tut gut» ist auf die Vorschul- und Primarunterstufe ausgerichtet, kann aber von der Idee her an obere Stufen adaptiert werden. Die selbsterklärenden Karten beabsichtigen, den Lehrpersonen die Vorbereitung und Durchführung von intensiven, lustbetonten und herausfordernden Bewegungsstunden in der Sporthalle zu erleichtern, und lassen dabei unterschiedliche Zielsetzungen zu. Nebst motorischen werden auch soziale, emotionale und kognitive Zielsetzungen angestrebt.

Orientierung an Bewegungsbedürfnissen Kinderwürden Stationen wählen

Das Lehrmittel soll Lehrpersonen ermutigen, bei der Bewegungsfreude der Kinder anzusetzen, sich mit der Gestaltung einer anregenden Bewegungsumgebung zu «begnügen» und den Kindern viel Eigenaktivität im Entwicklungsprozess zuzutrauen. Die offenen Angebote orientieren sich daher an den kindlichen Bewegungsbedürfnissen wie Balancieren, Drehen, Klettern, Hüpfen, Rutschen, Hangeln, Ringen, Purzeln, Stützen… Dabei sind die einzelnen Angebote nicht spezifischen Fähigkeiten oder Zielsetzungen zugeordnet. Vielmehr decken sie verschiedene motorische Fähigkeiten und Schwierigkeitsgrade ab.

Umsetzung in der Sporthalle

Damit der Unterricht mit offenen Angeboten gelingt, sind einige Punkte zu beachten. Allem voran ist eine gute Organisation entscheidend. Es lohnt sich, durch regelmässigen Stationenbetrieb den Kindern und sich selbst Zeit zu lassen, Erfahrungen im Auf-, Ab- und Zusammenbau von Geräten und in den dazugehörenden Bewegungsmöglichkeiten zu sammeln. Die Auswahl der Stationen richtet sich nach den erwähnten kindlichen Bedürfnissen, die ausgewogen berücksichtigt werden sollten. 

Auswahl der Bewegungsstationen:

  • Lustvoll balancieren: im Gleichgewicht bleiben auf Langbank-Wippe, Matten-Floss, Seil, Pedalo…
  • Spielend stärken: Kräftigung der Oberkörpermuskulatur durch Klettern, Stossen, Hangeln…
  • Schwindel suchen: drehen und rollen auf schräger Ebene, an Ringen…
  • Rhythmus erleben: rhythmisieren beim Seilspringen, Gummitwist, Hüpfspiel…
  • Eine runde Sache: Ballstationen wie Korbwurf vom Kasten, Zielwurf, Ball über die Schnur…

 Auf dieser Stufe geht es nicht in erster Linie um den Erwerb von normierten, sportartspezifischen Fertigkeiten, sondern es geht vor allem darum, möglichst viele positive Erfahrungen zu sammeln und dabei sowohl koordinative, konditionelle wie auch kognitive, soziale und emotionale Fähigkeiten entwickeln zu können, um für die späteren Anforderungen im Sport und auch im Alltag vorbereitet zu sein. Dass es sich um Angebote handelt, ist daher entscheidend. Die Kinder sollen nicht von eigenen Bewegungskreationen abgehalten werden. Die Lehrperson steht eher im Hintergrund, beobachtet, hilft, wenn es nötig ist, oder macht auch selbst mit. Schliesslich sollen die Stunden ergänzt werden durch gemeinsame Spielformen, Tänze oder kurze Entspannungsübungen. 

Der angemessene Umgang mit Gefahren und Risiken kann nur an diesen selbst erlernt werden, was sorgfältiges Abwägen seitens der Erziehenden voraussetzt.

Merkblatt, Verantwortlichkeit und Haftpflicht der Lehrpersonen, LCH

 

Kaum Nachteile

Ein massgeblicher Erfolgsfaktor für den Unterricht mit offenen Bewegungsangeboten ist die Haltung der Lehrperson. Wer motiviert ist, mit Grossgeräten den Sportunterricht zu gestalten, sollte sich nicht davor scheuen, aktiv die teilweise erschwerenden Rahmenbedingungen zu optimieren. In Absprache mit den Lehrkollegen können z.B. die Grossgeräte für die nachfolgende Sportstunde stehen gelassen oder der Geräteraum kindgerechter eingerichtet werden.

Risikomanagement inbegriffen

Eine zentrale Bedeutung im Zusammenhang mit der Unfallverhütung kommt der Sicherheit zu. Diese ist in starkem Masse abhängig von der Wahrnehmungsfähigkeit und den koordinativen und konditionellen Fähigkeiten. Je umfangreicher und vielfältiger die motorischen Erfahrungen im Alter von fünf bis zehn Jahren sind, desto höher wird auch die Bewegungssicherheit im Jugend- und Erwachsenenalter sein. Studien von Unfallversicherungen zeigen, dass Bewegungs- und Wahrnehmungsförderung sowie das Bewältigen von angepassten Risikosituationen zu einem Rückgang der Unfallzahlen im Alltag führen. Der altersgemässe Umgang mit Gefahren und Risiken gehört also zu einer normalen Entwicklung des Menschen. Die Hinführung zur Gefahreneinschätzung ist dabei die beste Schadenprävention.


Umsetzung auch im Schulzimmer

«Mut tut gut» beschränkt sich von der Idee her nicht ausschliesslich auf die Sporthalle, sondern soll Lehrpersonen allgemein Mut machen, offene Lernsituationen zu schaffen und dabei Bewegung zu integrieren (siehe Weiterbildungsangebote/Projekte: «Mut tut gut – auch im Schulzimmer», «Kinder in Bewegung», «Purzelbaum», «Bewegte Schule», Modul «Bewegungs- und Lernstationen» – «Schule bewegt»).

Mehr Informationen unter: www.muttutgut.ch
 
Andrea Baumeler ist Dozentin für Bewegung und Sport an der FHNW.
Hansruedi Baumann ist Autor von Mut tut gut!
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