farbwelt

Reportage

Kleine Schritte, um weit zu kommen

Selbstständiges Arbeiten kann und muss gelernt werden. Wohin eine mehrjährige Auf­bauarbeit führen kann, zeigen ein Besuch in der Klasse 9a und ein Gespräch mit dem Klassenlehrer.

Therese Grossmann

Die Arbeiten planen

Es ist ein Freitagmorgen im März. Einige Schülerinnen und Schüler der Klasse 9a arbeiten in der hellen, grosszügigen Gruppenarbeitszone. Auf einem der Tische haben zwei Mädchen ihre Mathematikordner ausgebreitet, sie kontrollieren zusammen, ob ihre Ordner die verlangten Abgabekriterien erfüllen. Das ist eine der obligatorischen Aufgaben auf dem Arbeitsverzeichnis, das die Schülerinnen und Schüler jede Woche für die sechs Lektionen offenen Unterricht aus den Fächern Deutsch, Französisch und Mathematik erhalten. Bei jeder Aufgabe steht, wie sie abgeschlossen wird. Der Mathematikordner zum Beispiel soll dem Lehrer gezeigt werden. Die Schülerinnen und Schüler mussten lernen, auch die Abschlussform einer Arbeit in ihre Planung einzubeziehen: Eine Arbeit abzugeben oder Aufgaben mit dem Lösungsblatt zu kontrollieren, verlangt weniger Planungskunst, als dem Lehrer etwas vorzustellen, gilt es doch, die «freien» Zeiten des Lehrers zu nutzen und den Abschluss-Stau, der gegen Ende der sechs Lektionen entstehen könnte, zu vermeiden.

Leise und laut denken

Das Klassenzimmer ist von der Gruppenarbeitszone durch Glasfenster abgetrennt, die Zimmertür steht offen: In der Phase des offenen Unterrichts sind das Klassenzimmer und die Gruppenarbeitszone ein Lernraum. Vor der Wandtafel stehen zwei Mädchen, sie haben von ihrem Lehrer eine Aufgabe zum Zusammenhang von Raumdiagonale und Oberfläche beim Würfel erhalten. «Sprecht zusammen oder denkt laut, damit ich höre, was in euren Gedanken passiert», ermuntert sie der Lehrer, der in der Nähe steht. Ein Knabe beobachtet, ob er den Lehrer zu sich rufen kann: «Könnten Sie schnell zu mir kommen, ich habe den Fehler gefunden, ich möchte Ihnen meine Überlegungen zeigen.» Nach diesem kurzen Kontakt ist der Lehrer wieder bei den Mädchen. Seinen Rat, beim Berechnen die Zwischenresultate nicht zu runden, nehmen sie lachend entgegen.

Der Knabe, der allein an seinem Pult arbeitet, nimmt davon keine Notiz, auch nicht von den beiden Mädchen, die nebenan die Köpfe zusammenstecken und sich gegenseitig einen Text vorlesen. Jetzt dreht sich der Knabe nach hinten, offenbar hat er sich einen Platz ausgewählt, von dem er nicht aufstehen muss, um das Lösungsblatt zu konsultieren.

Selber wählen

Den Arbeitsplatz auszuwählen, kann heissen, von den eigenen Bedürfnissen auszugehen und zum Beispiel an diesem Morgen möglichst fernab von den andern und von der Lehrperson zu sein wie die beiden Knaben, die zuhinterst in der Gruppenarbeitszone sitzen. Ob sie mit dem Lehrer Kontakt haben, bestimmen sie. Es kann aber auch heissen, den Arbeitsplatz der Sozialform oder dem Material anzupassen, wie es die beiden Mädchen mit ihren ausladenden Ordnern tun. In diesen sechs Lektionen bestimmen die Schülerinnen und Schüler jeweils die Reihenfolge der Arbeiten aus den drei Fächern wie auch die zeitliche Dauer selbst. Ebenso wählen sie selber die Arbeiten aus dem fakultativen Auftragspool aus, wobei sie sich vom Lustprinzip oder von Lernbedürfnissen leiten lassen. In der 9. Klasse bestimmen sie weitgehend auch die Sozialform. Der Knabe in der Nähe des Lösungsblattes wird so oft wie möglich alleine arbeiten.

 

Der Freitagmorgen im März ist ein Ausschnitt aus dem Film «Autonomes Lernen» aus dem Jahr 1992. Auch das folgende fiktive Interview basiert auf den Äusserungen des Klassenlehrers aus dem Film.

 

profi-L: Was hat Sie dazu bewogen, offene Unterrichtsformen einzuführen?

Während meiner langen Unterrichtszeit wurde mir zunehmend klar, dass es «den Durchschnittsschüler, die Durchschnittsschülerin» nicht gibt. Ich suchte nach Formen, die mir ermöglichten, auf einzelne Kinder und Jugendliche einzugehen.

Und doch finden nur 2 Mathematik-Lektionen pro Woche in der offenen Form statt!

Jede Unterrichtsform hat ihre Stärken und Schwächen, ich will keine Unterrichtsform alleine pflegen, sondern die Stärken der Formen kombinieren. Im Klassenunterricht kann ich in Problemstellungen einführen oder Denkarbeiten und Produkte auswerten. Ich kann auch zu Reflexionen über Arbeitsphasen anleiten. Die vielen Teilkompetenzen des selbstständigen Lernens wurden im konventionellen Unterricht aufgebaut.

Warum legen Sie so grossen Wert auf den Aufbau dieser Teilkompetenzen?

Weil das selbstständige Lernen komplex und schwierig ist. Etwas selbst auszuwählen oder ohne Kontrolle konzentriert zu arbeiten, ist anspruchsvoll, insbesondere für labilere Schülerinnen und Schüler. Schon nur der Start in eine Arbeit ohne Aufforderung braucht viel Selbststeuerung. Nicht zu unterschätzen ist auch die Fähigkeit, von sich aus auf den Lehrer zuzugehen und ihm anhand von Fragen den eigenen Lernprozess zugänglich zu machen. Für einen sorgfältigen Aufbau spricht die Aussicht auf Erfolg: Es macht Schülerinnen und Schüler stark, wenn sie erfahren, dass sie ihr Lernen ohne grosse Rückschläge zunehmend selbst steuern können.

Ein Freitagmorgen im März 2012. Auf unserer Reise zurück in die Gegenwart sind wir 20 Jahre älter geworden. Wir fragen den damaligen Klassenlehrer Werner Jundt: 

Was würden Sie heute anders machen?

Es gibt keine kurze Antwort. So komplex wie die Materie, so vielfältig sind die Möglichkeiten der Nachbesserung und Weiterentwicklung. Ein paar Stichworte: Ich würde sicher noch mehr auf die Aufgabenvielfalt und -qualität achten. In den Anfängen dieser Unterrichtsform waren die Aufgabenstellungen doch stark reproduktiv ausgerichtet. Dann würde ich heute bestimmt – was damals beschränkt möglich war – viel stärker auf Computer und digitale Medien setzen, um noch freier zu sein für individuelle Lernbegleitung. Und auf einer ganz anderen Ebene: Ich würde den Erfolg mit der Arbeit in der eigenen Klasse bewusst geniessen und mich weniger darum kümmern, was andere daraus machen.

Vielen Dank– und bis an einem Freitagmorgen im März 2032!

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