farbwelt

Im geführten Unterricht ein Feuer entfachen

Wenn Barock ansteckend ist

Die Berner Altstadt gehört zu den hervorragenden Kulturgütern unseres Landes. In einer 7. Klasse verfolgen wir, wie Trägerinnen und Träger des Weltkulturerbes ausgebildet werden.

Werner Jundt

Vorne im Zimmer steht ein aus einer Kiste gebautes, imposantes Modell eines Altstadthauses. An der Wandtafel hängt eine Luftaufnahme der Berner Innenstadt. Die SiebtklässlerInnen haben ihr persönliches Mindmap zu Bern aus der letzten Stunde aufgeschlagen. «Schreibt die drei wichtigsten Kernbegriffe zur Altstadt auf je einen Zettel», sagt Martin Furer und teilt Post-it und dicke Filzschreiber aus. «Heftet sie dann rund um das Luftbild an die Tafel.» Abdullah und Alvaro gruppieren die Zettel nach Begriffen. Die anderen nennen die Kriterien, nach denen die beiden sortieren: Bauten (Türme, Brunnen), Veranstaltungen (z.B. Zibelemärit), Materialien (z.B. Sandstein, Pflastersteine)

«Was fällt im Luftbild auf?», fragt Martin Furer. Michelle nennt die gleichfarbigen Dächer, Raphael zeigt auf die gleichmässig angeordneten Gassen, ein Mädchen erwähnt die Aare und darin die Schwellen. «Eine sehr frühe und für die Stadt ergiebige Anlage», berichtet der Lehrer. «Die Schiffe waren gezwungen anzulegen. Die Waren mussten umgeladen und verzollt werden.» – Anhand der Dächerfarben kann die Klasse gleich noch die Stadtentwicklung repetieren: Die rotbraunen Dächer der zähringischen Gründungsstadt bis zum «Zytglogge», die helleren Dächer der Savoyer Stadt bis zum Käfigturm, dann die neuere Vorstadt. Die Einfarbigkeit der unteren Stadt im Luftbild kommt von der einheitlichen Bedachung. Martin Furer zeigt einen etwa 250 Jahre alten Biberschwanzziegel und erklärt, wie er hergestellt wurde: «Den Lehm in die Form gelegt und dann mit den Fingern zur Spitze hin gerillt, damit das Wasser sauber abläuft.» Er zeigt den Effekt, indem er Wasser über den Ziegel in einen Eimer giesst.

Vom Münster über Sylt zum Urmeer

Auf vielen Klebzetteln steht «Münster». Herr Furer hängt eine Frontansicht des Münsters daneben. Die Schülerinnen und Schüler berichten, was ihnen dazu einfällt. Ein Knabe weiss, dass der Turmwart früher der Feuerwächter der Stadt war. Der Lehrer weist darauf hin, dass das Münster zusammen mit dem Bundeshaus die Stadtsilhouette prägt. Nur ist es seit Jahren immer teilweise eingepackt. Damit kommt er auf den Sandstein zu sprechen. Die Klasse versammelt sich um eine Schublade mit Steinstücken und Sand. Martin Furer hebt einen Sandsteinquader hoch. «Woher kommt der?» – «Sandstein wird aus Sand gemacht», sagt ein Mädchen. «Wo habt ihr denn schon Sand angetroffen?» Die SiebtklässlerInnen nennen Kreta, Sylt, Australien. Der Lehrer spricht über Urmeere, abgelagerte Sandbänke und aufgeworfene Gesteinsschichten bis zu den Steinbrüchen am Stadtrand. Und indem er ein paar Krümel in der Hand zermalmt, zeigt er die Vergänglichkeit dieses Baumaterials. «Luft, Wasser und Schadstoffe setzen dem Sandstein zu, darum ist der Münsterturm eine Dauerbaustelle, die jährlich rund 2,5 Millionen Franken kostet – über Jahrzehnte.»

«Sie ist die schönste, die wir gesehen haben, in Bürgerlicher Gleichheit eins wie das andere gebaut, all aus einem graulichen weichen Sandstein, die egalitaet und Reinlichkeit drinne thut einem sehr wohl, besonders da man fühlt, dass nichts leere Decoration oder Durchschnitt des Despotismus ist, die Gebäude, die der Stand Bern selbst aufführt sind gross und kostbar. Doch haben sie keinen Anschein von Pracht, der eins vor dem andern in die Augen würfe.» 

Martin Furer liest aus einem Brief Goethes an Frau von Stein vor, in dem der Gast aus Weimar über die Stadt Bern schreibt. Weil der Text für heutige SiebtklässlerInnen gewöhnungsbedürftig ist, liest er ihn gleich ein zweites Mal und erläutert dabei einzelne Ausdrücke, nicht aber den Schluss. Was meint Goethe mit «eins vor dem andern in die Augen würfe?» Ein Mädchen kann das erklären: «Keines sticht hervor, alle zusammen sind schön.»

Der Lehrer projiziert Fronten von Altstadthäusern. Im reich bebilderten Kunstgeschichtsdossier zum Thema «Berner Barock», das die Schülerinnen und Schüler in der nächsten Lektion erhalten werden, findet sich beim Goethetext eine Panoramazeichnung der Häuser Gerechtigkeitsgasse 2–22. Heute werden Details am grossen Modell besprochen: Zum Beispiel die 24er-Teilung der Fenster («so grosse Glasflächen wie heute konnte man im 18. Jahrhundert nicht herstellen»). Flurina interessiert sich für die quergestellten Laden vor den Verkaufsfenstern in der Laube drin. «Der untere diente als Ladentisch. In den Lauben geht man lädele und wenn man das Fenster zumachte, war eben Ladenschluss.» Ein Knabe bemerkt, dass das riesige Dach nur eine Seite hat. «Das wäre ein Pultdach», sagt Martin Furer, «aber hier täuscht das Modell: Es zeigt nur die Vorderseite des Hauses. Typisch ist aber, dass die Dachfläche zur Strasse zeigt. Die Häuser in der Berner Altstadt sind traufständig. Das ist nicht überall so.» Er projiziert eine Strassenfront mit giebelständigen Häusern aus der Ostschweiz.

Von der Bedeutung und dem Wert der Dinge

Dann widmet sich die Klasse einer besonderen Fassade. Der Lehrer teilt Ausschneidebogen aus, die Teile einer Barockfassade enthalten. Die gleichen Teile, grösser, heftet er an die Wandtafel. Während die Schülerinnen und Schüler ihre Puzzleteile ausschneiden, raten sie, zu welchem Gebäude die Teile gehören. Das Bundeshaus wird genannt, Erlacherhof, Von-Wattenwyl-Haus, alte Bibliothek. Die Namen der vorhin betrachteten Häuser klingen noch nach. Caroline hat als Erste das Puzzle aus Mauerteilen und Fenstern, Voluten, Säulen und Friesen richtig zusammengesetzt. Sie geht an die Tafel und zeigt der Klasse, wie die alte Barockfassade zu rekonstruieren ist. Es ist die von Niklaus Sprüngli erbaute Bibliotheksgalerie, die seit dem Abbruch vor hundert Jahren als Brunnen am Thunplatz steht. «Mit dieser Fassade hat bei mir alles angefangen», erzählt Martin Furer und lässt die Klasse nach vorne kommen. Unter einem grünen Samttuch enthüllt er ein Modell des gleichen Gebäudes. «Eins zu fünfzig – versteht ihr das?» – «In Wirklichkeit fünfzigmal so gross!» sagt ein Knabe. – «Ich war in eurem Alter und begleitete meinen Grossvater, der selber ein grosser Kenner der Altstadt war, auf Stadtspaziergängen. Die Faszination durch die isolierte Fassade am Thunplatz veranlasste mich, die Sprünglifassade zu modellieren. Sie hat mich all die Jahre begleitet.»

Die Doppelstunde ist wie im Flug vergangen. Eigentlich war es ein ausgiebiges Gespräch um Sachen, um deren Bedeutung und Wert. Ein fortgesetzter Wechsel von Dialog und Erklärungen. Dabei wurden Äusserungen der Schülerinnen und Schüler stets positiv gewertet, indem sie Anlass waren zu weiteren Ausführungen. Jetzt sind die meisten SiebtklässlerInnen schon in der Pause. Ein paar können sich nur schwer von den Modellen trennen. «Dürfen wir das auch machen?» will ein Knabe wissen. 

Wir fragen uns, wie der gleiche Unterrichtsinhalt in einer anderen Unterrichtsform aussehen könnte. Bei einer derartigen Materialfülle würde sich doch zum Beispiel eine Werkstatt anbieten. Was wäre anders? Vielleicht würde Sand verstreut oder Wasser verschüttet – was tut’s? Vielleicht ginge der Ziegel zu Bruch. Den könnte man wohl noch ersetzen. Was ganz sicher fehlen würde, unersetzbar: das Feuer! Die ganz direkt fühlbare Begeisterung für die Sache, die – gepaart mit einem grossen Wissen – Jugendliche auch bei einem Thema zu fesseln vermag, dem sie ohne diese direkte, persönliche Führung kaum so engagiert folgen würden. Plutarch fällt uns ein (etwas frei übersetzt): 

 

Der Geist ist kein Schiff,
das man beladen kann,
sondern ein Feuer, das man entfachen muss.