farbwelt

Editorial

Elf nach elf nach ELF

Werner Jundt

Im März 2001 publizierte die Nordwestschweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz ein Heft mit dem Titel «Elf Jahre nach ELF». Darin blickten Lehrpersonen und Erziehungspolitiker zurück auf das Schulentwicklungsprojekt «Erweiterte Lernformen», welches die NW-EDK 1990 initiiert hatte. In den Achtzigerjahren hatten progressive Lehrerinnen und Lehrer mit sogenannten «offenen Unterrichtsformen» wie Werkstattunterricht, Wochenplan und Projektunterricht experimentiert. Und in der damaligen Aufbruchstimmung waren Bildungspolitiker bereit, sich hinter die didaktischen Neuerungen zu stellen. Wenn man heute, nach abermals elf Jahren, die Beiträge von 2001 liest, wirkt vieles nach wie vor aktuell und – auch wenn erweiterte Lernformen längst ins Repertoire der PH-Absolventinnen und -Absolventen gehören – überhaupt nicht selbstverständlich.

«Junge Menschen sind am Lernen nicht zu hindern.»

Weitere – viel weitere – Rückblende: 1855 unterrichtete an der Unterschule in Binningen bei Basel der achtzigjährige Leonhard Jundt, mein Urururgrossvater. Aus den Aufzeichnungen des Pfarrers und Schriftstellers Jonas Breitenstein erfahren wir, dass der greise Lehrer «bei zunehmender Altersschwäche und fast gänzlichem Verlust des Gehörs die 90 Kinder seiner Schule nicht mehr meistern konnte und die Schule in einem traurigen Zustand war.» Zur Ruhe setzen konnte sich der arme Mann nicht, da der noch recht junge Kanton Baselland in einer finanziellen Notsituation «das Institut der Pensionen leider abgeschafft» hatte.

Junge Menschen sind am Lernen nicht zu hindern. So werden auch die Mädchen und Knaben von Binningen einiges – was in keinem Lehrplan stand – gelernt haben. War das nun «offener» oder «geführter» Unterricht? Verzeihung: Die Frage ist bösartig. Aber sie weist unausweichlich darauf hin, dass Kernvoraussetzungen für gelingenden Unterricht nicht im Bereich der Unterrichtsformen zu suchen sind. Heute wissen wir, dass ein guter Frontalunterricht das Lernen ebenso fördern kann wie ein guter Wochenplan. Und dass eine schlecht begleitete Werkstatt ebenso wenig bringt wie ein öder Lehrervortrag. Für den Aufbau von Sachkompetenz ist die Wahl der Unterrichtsform kein entscheidendes Kriterium. Das ist das eine. Das andere ist, dass es im Unterricht nicht nur um Sachkompetenz geht. Behalten Sie, liebe Leserinnen und Leser, bei der Lektüre dieses Heftes beides im Auge.

PS. Mit einer Petition erwirkte Pfarrer Jonas Breitenstein beim hohen Landrat dann doch noch eine ausserordentliche Rente von Fr. 200.– jährlich, welche die Gemeinde Binningen um 100 Franken aufstockte, sodass der greise Schulmeister den Zeigestock ablegen konnte. In Benjamin Nägelin fand die Gemeinde einen tüchtigen Nachfolger, wie Breitenstein berichtet: «Man hört keinen Lärm mehr in der Schule, sieht keine Lücken mehr in den Bänken. Die Knaben prügeln sich nicht mehr durch oder laufen über die Bänke, während der Schulmeister vorn am Tisch mit den Einzelnen buchstabiert, wie das früher geschah. Die Kinder haben einen grossen Eifer, in die Schule zu gehen, und mahnen ihre saumseligen Eltern selber daran, wenn es Zeit ist.»