farbwelt

Schlüsselkompetenz «Reflexionsfähigkeit»

2007.01: «Denkspiegel»

Christine Leichtnam

«Ich finde es gut, dass es in der Schule ein Nachdenken über das Lernen gibt und man nicht einfach drauflos lernt, ohne nachzudenken», sagt eine 3.-Klässlerin.

In meinen Augen hat das Mädchen mit dieser Aussage den Nagel auf den Kopf getroffen. Ist es nicht oft so, dass wir in der Hektik des Alltags drauflos funktionieren und uns kaum die Zeit nehmen, einmal innezuhalten? So viele Dinge stehen an, die bewältigt werden müssen. Oft fehlt schlicht die Zeit, sich einmal zu überlegen, was wirklich getan werden muss, was nachhaltig wirken kann und was vielleicht verändert werden müsste.

Vor kurzem las ich im Stellenmarkt der Berner Zeitung einen Artikel mit dem Titel: «Vom Glücksgefühl, die Arbeit als etwas Bedeutsames zu erleben». Im Artikel wurden die Lebensbilder zweier Menschen gezeigt, die seit Jahren einem Beruf nachgehen, der sie überhaupt nicht befriedigt. Erst als der Leidensdruck allzu gross war, wurde den beiden Menschen bewusst, dass ihre Interessen anderswo liegen, und sie konnten endlich ihr Leben und ihren Beruf in Einklang bringen, statt am Beruf zu leiden. Übertragen auf die Schule bedeutet dies, dass nur jemand, der sein Handeln, seine Situation und das Lernen reflektieren kann, auch in der Lage sein wird, sein Handeln und Lernen selber zu steuern.

Reflexionsfähigkeit ist eine Schlüsselkompetenz und muss im Schulalltag eine zentrale Rolle spielen. Es genügt nicht, dass Kinder im Unterricht bloss Aufträge erledigen und Aufgaben lösen. Sie müssen auch erkennen und verstehen lernen, auf welche Ziele sie hinarbeiten und welche Methoden sich dafür am besten eignen. Zudem müssen sie wissen, auf welche eigenen Stärken sie bauen können und an welchen Schwächen sie arbeiten müssen. Die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, ihren eigenen Lernweg zu beobachten und zu beurteilen.

Beim Unterrichten an einer 1. bis 4.?Klasse ist es für mich immer wieder eindrücklich zu sehen, wie bereits 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler fähig sind, ihre Lernprozesse zu reflektieren, und wie sich die Fähigkeit zur Selbstreflexion mit den Jahren weiter entwickelt und verfeinert. Gute Unterstützung bietet dabei das «Reisetagebuch», eine Art Lerntagebuch. Die Schulkinder sammeln in diesem Reisetagebuch Spuren ihrer Lernerfahrungen und können auf Vergangenes zurückblicken und Neues anpacken. Ich als Lehrerin kann so die Lernwege meiner Schülerinnen und Schüler mitverfolgen und mit ihnen ins Gespräch über ihr Lernen kommen. Dabei erlebe ich oft spannende Situationen, die auch mir als Lehrperson Anstoss geben, über meinen Unterricht nachzudenken. Dieses gemeinsame Reflektieren braucht Zeit. Es ist ein Weg, auf dem alle Beteiligten – nicht nur die Schülerinnen und Schüler – Lernende sind.

Viel Zeit und öfters ein Innehalten, Vorwärts- und Rückwärtsblicken wünsche ich Ihnen auch beim Lesen dieser Nummer.