farbwelt

2006.02: Begleitplanken

Werner Jundt

Werner Jundt

Lernwege berühren mich. Das war nicht immer so. Als junger Lehrer vor 40 Jahren wollte ich vor allem gut lehren. Ich wusste, wie «es» war und wie «es» ging. Und ich versuchte, «es» so klar darzustellen, dass alle meine Schülerinnen und Schüler «es» verstanden. Viele taten es. «Er kann gut erklären», sagten sie, und ich wusste dann, dass ich meine Arbeit gut machte.

Aber einige verstanden «es» nicht. Das irritierte mich. Und noch mehr irritierte mich festzustellen, dass oft die zweite oder dritte, noch viel raffiniertere Erklärung auch nicht weiterhalf. Die Verunsicherung führte mit der (langen) Zeit dazu, dass ich nicht mehr nur verständlich sein wollte – ich wollte auch verstehen. Mich begann zu interessieren, wie Verstehen passiert. Und ich wollte insbesondere das Nichtverstehen begreifen. Später merkte ich, dass mein Interesse für das Nichtverstehen den Schülerinnen und Schülern beim Verstehen hilft.

Mein Beruf hat sich seit meinen ersten Schulstunden in vielem gewandelt. Eine der grössten Veränderungen ist wohl der Rollenwechsel vom Stoff-Vermittler zum Lernbegleiter. Eigentlich ist mein Beruf dadurch ein anderer geworden. Für mich hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden.

Mein Vater war Schriftsetzer. Sein Medium war das Blei. Dann kam der Fotosatz. Mein Vater – nicht mehr der Jüngste – liess sich umschulen. Kaum war er mit der neuen Technik vertraut, hielt der Computer Einzug. Den Beruf meines Vaters gab es nicht mehr. Ich hatte mehr Glück, denn mir war für meine Neuorientierung mehr Zeit gegönnt. Und die brauchte ich auch. Es war ja nicht mit Einsichten wie «der Weg ist das Ziel» und «jeder Kopf denkt anders» getan. Ich musste lernen zu beobachten. Ich musste üben, mich in die Lernwege der Schülerinnen und Schüler einzudenken. Und ich musste mir einen Werkzeugkasten aufbauen, der es mir ermöglicht, individuelle Lernwege zu betreuen.

Vieles ist anders geworden. Die Bedeutung von Fehlern zum Beispiel. Früher waren Fehler ein Übel. Kein Wunder, dass meine Schülerinnen und Schüler sie lieber versteckten. Dann merkte ich, dass sie Fenster sind zu anderem Denken. Und als ich begann, von «interessanten», oft sogar von «guten» Fehlern zu sprechen, waren die Schülerinnen und Schüler bereit, die Fenster zu öffnen. Sie bieten mir Gelegenheiten, ihren Prozess des Verstehens zu beobachten und mich mit ihren Konzepten auseinander zu setzen. Als Folge davon kann ich sie beim Lernen besser unterstützen. Als Stoff-Vermittler stand ich mit meinen Inhalten auf der anderen Seite, den Lernenden gegenüber. Meine Aufgabe sah ich darin, den Stoff «hinüberzubringen». In der Rolle des Lernbegleiters stehe ich neben meinen Schülerinnen und Schülern, den Lerninhalten gegenüber. Ich versuche, ihnen zu helfen, diese aufzuschlüsseln, zu verstehen. Bei alledem bin ich aber auch Vermittler geblieben, ich stelle dar, zeige vor, erkläre – aber viel anderes ist dazugekommen. Es ist, als habe mein Spiel zusätzliche Karten erhalten, neue Trümpfe!

Jede Lehrperson spielt ihre Rolle mit eigenen Karten. Vielleicht finden Sie im Set auf Seite 4 die Ihren auch. Oder Sie finden andere, die Ihr Set sinnvoll ergänzen können. Vielleicht kennen Sie aber auch Trümpfe, die in diesem Set fehlen.

In drei Beiträgen dürfen Sie Lehrpersonen beim Lernen-Begleiten in die Karten gucken. Und Sie erfahren, welches ihre Trümpfe sind. Die Reportagen mögen uns Mut machen, unsere Karten auch wieder einmal neu zu mischen und neue Trümpfe zu riskieren, auf dass es uns noch besser gelinge, Lernwege von Schülerinnen und Schülern zu berühren.

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