farbwelt

2006.01: Übenflüssig?

Wenn Üben ins Rollen kommt

Kürzlich bot sich mir die Gelegenheit, wieder einmal etwas Neues zu lernen und zu üben. Mein Sohn hatte ein Rollbrett zum Geburtstag geschenkt bekommen, und Rollbrett fahren wollte ich schon als Kind immer können. Auf einem leicht abfallenden Strässchen machte ich meine ersten Versuche. Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, wie ich das Gewicht verlagern musste, damit das Brett sich einigermassen so drehen liess, wie ich wollte. Endlich war ich so weit, dass ich überhaupt üben konnte. X-mal fuhr ich das Strässchen runter. Beharrlich versuchte ich, meine Technik zu verfeinern. Natürlich gab es auch frustrierende Momente, aber alles in allem machte mir das Üben richtig Spass. Ausserdem fand ich es spannend, eine Übungssituation wieder einmal bewusst zu erfahren. Meine Achtung für die Leistung meiner Kinder, die täglich mit solchen Situationen klar kommen müssen, ist dadurch einmal mehr gestiegen.

Üben kann also Spass machen. Es kann aber zuweilen auch anstrengend und manchmal frustrierend sein. Dann wird es zur echten Herausforderung. Denn weshalb sollte ich in einem bestimmten Moment etwas tun, was mich körperlich oder geistig ermüdet? Nun: Es geht um die Motivation, um das Ziel, etwas zu können, zu beherrschen, was in meinem Leben jetzt oder später wichtig und schön ist. Es geht aber auch darum, Anerkennung zu erhalten. Kurz: Es macht Sinn. Nur wenn daraus Vorteile entstehen – sei es auch erst auf längere Sicht –, sind Menschen bereit, auch die weniger angenehmen Seiten des Übens auf sich zu nehmen. Es ist wichtig, dass Lernende beim Üben positive Erfahrungen machen, denn das führt dazu, dass sie sich auch an neue, anspruchsvolle Aufgaben heranwagen, dass sie es sich zutrauen, auch schwierige Dinge lernen zu können. Dadurch wird ihr Selbstvertrauen gestärkt. Wie können Lehrpersonen erreichen, dass ihre Schülerinnen und Schüler das Üben als etwas Sinnvolles erleben? Die Herausforderung ist gross. Trotzdem lassen sich einige Faktoren festhalten, die erfolgreiches Üben begünstigen:

  • Üben braucht Zeit. Neue Erkenntnisse zu verinnerlichen und zu vertiefen, dauert eine Weile – bei den einen länger, bei anderen weniger lang. Die so eingesetzte Zeit ist nicht verloren, sondern hat im Unterricht ihren Wert.
  • Üben ist individuell. Nicht alle müssen das Gleiche gleich lang und auf die gleiche Art üben. Das bedeutet aber nicht, dass für jedes Kind ein individuelles Übungsprogramm zusammengestellt werden muss. Vielmehr geht es darum, verschiedene Angebote zu unterbreiten und mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen, welche Übungsanlagen für sie am meisten Sinn machen. Die Lernenden müssen selber Verantwortung für ihr Üben übernehmen. Und sie können sich gegenseitig unterstützen.
  • Üben heisst gebrauchen. Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie Faktenwissen müssen immer wieder angewendet werden. Automatisierendes Üben hat seine Berechtigung im Unterricht, der Anteil des anwendenden Übens muss im Verhältnis dazu jedoch wesentlich höher sein.
  • Üben ist denken. Wer überlegt und reflektiert, beübt immer auch bereits vorhandenes Wissen.

Dieses Heft erhebt nicht den Anspruch darauf, sinnvolles Üben in einem umfassenden Sinn darzustellen. Aber es zeigt an einigen Beispielen und anhand von Aussagen verschiedener Expertinnen und Experten, was beim Üben in den diversen Fächern wichtig ist und welche Unterstützung verschiedene Lehrmittel den Lehrpersonen anbieten können. Vielleicht kann dieses «profi-L» eine Hilfe sein bei der Pflege einer guten Übungskultur und zu einer Übungspraxis beitragen, die Sinn macht.