farbwelt

2005.03: Vielfalter

[Siehst du den Schmetterling dort drüben, seine Farben auf den Flügeln, die Muster, die Ornamente? Ist es ein Nachtpfauenauge? Ein Distelfalter? Ein Vielfalter? «Zum Erstaunen bin ich da!» lesen wir bei Goethe. «Das Staunen gehört den Kindern, Erwachsene können das doch nicht mehr!», denken wir vielleicht etwas gereizt, wenn wir dem Goethe-Zitat begegnen. Was kann uns Erwach­sene schon in Staunen versetzen! Und doch – der Schmetterling dort drüben, seine Farben auf den Flügeln: Wir können es also noch, das Staunen. Wir können Vielfalt wahrnehmen – wenn wir wollen.

Wenn Sie wollen, können Sie in dieser Nummer von der Vielfalt in der Schule erfahren. Gerne nehmen wir Sie mit auf unsere Reise. Staunen Sie mit uns, wie verschieden die einzelnen Schulen sind und wie unterschiedlich die besuchten Lehrerinnen und Lehrer mit der Vielfalt in der Klasse umgehen. Da erleben wir in Homberg eine Schule mit einer Mehrjahrgangsklasse 1?–?4, wo die eine Erstklässlerin manchmal ganz für sich übt, wo aber auch viel Zeit für gemeinsame Lernprojekte bleibt. In der Schule Moosacker in Homberg unterstützen gemeinsame Ri­tuale das Gemeinschaftsgefühl. In Twann besuchen wir eine Schule, wo in einer 9.?Klasse Schülerinnen und Schüler der Realschule und der Sekundarschule in allen Fächern gemeinsam unterrichtet werden. Die Reise führt uns auch nach Basel. Im Schulhaus Vogesen besuchen wir die 6.?Klasse: 18 Kinder aus 11 Ländern werden hier gemeinsam unterrichtet. In der Stadt Bern können wir im Schulhaus Sulgenbach zusehen, wie eine 3.Klasse die Nummern für die eigene Zirkusvorstellung übt. Auch in dieser «Normalklasse» ist die Vielfalt an Persönlichkeiten gross. Damit das Gemeinschaftsprojekt gelingt, muss sich jedes Kind auf seine Weise in die Gemeinschaft einfügen – und lernen, Kompromisse zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Gemeinschaft zu schliessen. Um die Pflege der Gemeinschaft geht es auch in der Schule Schüpberg. In der Gesamtschule werden auch Kinder mit speziellen Lernbedürfnissen unterrichtet, Einzelförderung ist notwendig. In Zürich sind wir im Schulhaus Wengi im Kreis 4 zu Gast. In einer 7. Klasse wird uns gezeigt, dass die vielen Muttersprachen und die unterschiedlichen Kulturen in einer Klasse permanentes Lernthema sein können.

Auf unserer Reise erleben wir die Vielfalt in der Schule und den Umgang damit in vielfältigster Art. Vielfalt ist ein Naturprinzip – und doch taucht immer wieder der Anspruch auf, in der Schule aus der Vielfalt Gleichheit zu machen. Das verstösst gegen die Natur, denn Vielfalt verlangt einen vielfältigen Umgang damit. Um mit Paul F. Brandwein zu sprechen: «Es gibt nichts Ungerechteres als die gleiche Behandlung von Ungleichen.»

Im Artikel «Heterogenität – Modebegriff oder Kernaufgabe» haben wir versucht, einige Schwerpunkte unserer Reiseerlebnisse festzuhalten. Offensichtlich spielt die Haltung der Lehrperson eine zentrale Rolle: Will und kann sie die Vielfalt in der Klasse wahrnehmen? Will und kann sie ressourcenorientiert denken? Geht sie davon aus, dass nicht Einheitlichkeit das Ziel des Unterrichts kann? Wichtig für einen förderlichen Umgang mit der Vielfalt sind auch die Pflege der Gemeinschaft und die Erziehung zur Selbständigkeit.

Und wenn eine der Kernaufgaben des Unterrichts das Staunen wäre? Das Staunen über die Vielfalt, die Vielfalter – und die Lust, damit umzugehen. Auch wenn wir noch gar nicht so sicher wüssten, wie.

Wenn Sie auf der profi-L-Reise durch die Schullandschaft zu anderen Beobachtungen und Fragen kommen, ist das gut so. Lassen Sie sich doch einfach in Erstaunen versetzen – und beflügeln.