farbwelt

2005.02: Für oder mit?

Die Tür zum Lernen geht nur von innen auf: Welche Lehrperson hat nicht schon die Erfahrung gemacht, dass sehr viel Wahrheit in dieser Aussage steckt? Und ist es manchmal nicht auch frustrierend, die Grenzen des eigenen Tuns als Lehrerin oder Lehrer so deutlich vor Augen geführt zu bekommen? Oder geht es gar nicht um Grenzen, sondern vielmehr um die Anerkennung einer Tatsache? Um das Entdecken von Chancen? Könnte die Aussage nicht auch eine Entlastung für Lehrpersonen bedeuten? Fragen über Fragen – womit wir an unser letztes Magazin mit dem Titel «Wo liegt Fragen?» anknüpfen. In der vorliegenden Nummer stehen ebenfalls Fragen im Mittelpunkt. Zum Beispiel jene nach dem Umgang mit der Selbstverantwortung der Schülerinnen und Schüler sowie die Frage nach Bedingungen, die dazu führen, dass Kinder und Jugendliche überhaupt Verantwortung übernehmen. Und nicht zuletzt geht es um Edwin Achermanns Grundsatzfrage im Artikel auf Seite 6: Für oder mit?

Schülerinnen und Schüler entscheiden also selber, ob sie sich fürs Lernen öffnen und sich auf neue Erkenntnisse einlassen wollen. Sind Lehrpersonen deshalb zur Untätigkeit verdammt, solange die Türe noch verschlossen ist? Keineswegs! Denn an eine Türe darf ja geklopft werden, und es ist sogar Kommunikation durch Türen hindurch möglich. Der Drang zu lernen wohnt in jedem Menschen. So gesehen ist Mitbestimmung in der Schule längst Tatsache. Darin liegt für Lehrpersonen ein grosses Entlastungspotenzial: Schülerinnen und Schüler tragen Unterricht und Schulalltag viel stärker mit, wenn sie in Entscheidungen einbezogen werden. Besonders deutlich wird dies in Christiane Daepps Artikel über das Ideenbüro ihrer Schülerinnen und Schüler auf Seite 10.

Mitbestimmung und Mitverantwortung sind also ein Paar, dessen Teile sich gegenseitig bedingen. Mitbestimmung scheint auf den ersten Blick der angenehmere Teil zu sein. Den eigenen Willen durchzusetzen empfinden die meisten Menschen als befriedigend. Ausserdem fühlt sich ernst genommen, wer mitentscheiden kann, was auch wieder angenehme Gefühle auslöst. Aber Mitbestimmung setzt auch Aktivität voraus: Wer mitentscheiden will, muss sich schlau machen, muss sich Wissen und Kompetenz aneignen, um glaubwürdig zu sein.

Dem Begriff Verantwortung haftet etwas Schweres an. Verantwortung «lastet» auf den Schultern der Menschen. Aber es gibt auch positive Assoziationen: Antwort geben. Und damit anderen und sich selber Sicherheit verleihen können. Noch augenfälliger wird das in der Analyse der Begriffe in den romanischen Sprachen und im Englischen: responsabilité oder responsibility: die Fähigkeit, Antwort zu geben auf eine Frage oder ein Problem. Und auch wenn Antworten die Denkräume, die durch Fragen geöffnet werden, wohl oft eher wieder verschliessen, ist es doch auch so, dass wir Menschen nicht ausschliesslich mit offenen Fragen leben können. Es gibt uns Sicherheit und Geborgenheit, wenn einige Fragen geklärt sind, wenn wir Antworten darauf erhalten haben.

Lässt sich nun aber Mitbestimmung und Mitverantwortung in jedem Unterrichtsfach umsetzen? Wir meinen: ja! Und geben in verschiedenen Artikeln Einblick in Unterrichtsbeispiele, die unsere Überzeugung untermauern. Wenn Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler an Entscheidungen und an der Übernahme von Verantwortung teilhaben lassen, drücken sie damit eine Haltung des Respekts den Lernenden gegenüber aus. Sie schenken ihnen Vertrauen und fördern damit ihr Selbstbewusstsein. Die Lernenden fühlen sich in der Folge sicherer im Umgang mit Problemen – und von dieser Sicherheit profitieren letztlich auch die Lehrpersonen.