farbwelt

2005.01: Wo liegt Fragen?

Werner Jundt

Liebe Leserin, lieber Leser

Im Atlas fand ich «Fraga» in Spanien, Portugal und in mehreren Ländern Südamerikas. Ich fand «Frahan» in Belgien und «Fofragen» in Papua-Neuguinea. Dazu ein paar andere ähnlich lautende Ortschaften – «Fragen» fand ich nicht. Wo also liegt Fragen? Eine Antwort lesen Sie später.

Vorerst möchte ich danken für die vielen positiven Rückmeldungen auf unsere erste Nummer von profi-L. Wir haben in aller Knappheit ein paar für die Schule relevante Ergebnisse der Hirnforschung dargestellt. Wir haben Konzepte von Lernenden beschrieben und gezeigt, wie neuere Lehrmittel die Auseinandersetzung mit Konzepten unterstützen können. Mit dieser Ausgabe möchten wir dort anknüpfen.

Von Georg Christoph Lichtenberg (1742?–?1799) ist der Satz überliefert: «Was man sich selbst erfinden muss, lässt im Verstand die Bahn zurück, die auch bei anderer Gelegenheit gebraucht werden kann.» Heute weist uns die Hirnforschung darauf hin, dass man sich alles selbst erfinden muss. Das macht Lichtenbergs Satz noch aktueller und zwingt uns, die Konsequenzen für das Unterrichten zu bedenken. Nun hat es immer schon Pädagogen und Didaktiker gegeben, die in der einen oder anderen Form von diesem «selbst Erfinden» gesprochen haben. Sie forderten eine Schule, in der die Lernenden als Forschende sich mit «der Sache» auseinander setzten. So dient als Ausgangspunkt für die vorliegende Nummer zum «entdeckenden Lernen» ein Textausschnitt aus Johannes Kühnels «Neubau des Rechenunterrichts» – ein Werk, das kurz nach dem Ersten Weltkrieg erschien (S.6). Die Aufgabe der Lehrkraft sei nicht mehr «das Darbieten und das Entwickeln», schrieb Kühnel, sondern «die Veranlassung der Gelegenheit und die Anregung zu eigener Entwicklung». Und Schülerinnen und Schüler hätten nicht «rezeptiv» zu sein, sondern «aktiv».

Seit den Siebzigerjahren markiert der Begriff «entdeckendes Lernen» einen Schwerpunkt der didaktischen Diskussion und ist heute Kernbegriff eines konstruktivistischen Lernverständnisses. Wir wollen in dieser Nummer nicht die theoretischen Grundlagen des entdeckenden Lernens ausbreiten. Die Materie gehört längst zum Pflichtpensum der Lehramtsstudentinnen und -studenten. Die betreffende Literatur füllt Bibliotheken. Uns bewegt die Frage: «Wenn man das alles schon so lange weiss – warum tut man sich mit der Umsetzung im Unterricht so schwer?» Wir sind dieser Frage mit einigen Fachleuten in einer Gesprächsrunde nachgegangen (ab Seite 6). «Es fehlen halt entsprechende Unterrichtsmaterialien» ist zum Beispiel immer wieder zu hören. Deshalb zeigen wir – in der Tradition dieses Magazins – an Beispielen aus bestehenden Lehrmitteln auf, wie Unterrichtsmaterialien entdeckendem Lernen dienen können (Seiten 12?–?25); aber auch wie ein konventionelleres Lehrmittel mit geeigneter didaktischer Ergänzung zu einem unmittelbareren Unterricht führen kann (Seite 26).

Apropos Lehrmittel: Eine Praktikantin erklärt in einer siebten Klasse in Basel eine Lernumgebung aus dem «mathbu.ch»: Frage für Frage und auch gleich Antwort für Antwort. Nach der Stunde sagt ihr eine Schülerin: «Wissen Sie, mit diesem Buch müssen Sie das ganz anders machen. Sie müssen uns die Fragen selbst beantworten lassen und uns nachher erklären lassen, was wir herausgefunden haben.» Die Praktikantin hat das in der nächsten Lektion mit viel Erfolg ausprobiert.

Übrigens: Fragen liegt am Anfang des Erkennens.